Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1862)
- Date
- 1862-09-16
- Page
- Seite 541 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226310-3226349--20632-3249710- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
die Juden ebenfalls freisprach, und nun, nach sieben Jahren, schritt der Staatsrath ein und verurtheilte 23 zur Zwangsarbeit in Sibirien. Palmerston, um Verwendung angegangen, erklärte, daß, was er auch über das Urtheil denken möge, dies kein Fall sei, in welchen eine fremde Regierung sich einmischen könne. Die russische Regierung erklärt, in die Urtheile der Gerichte nicht eingreifen zu können. Dieser einfache Bericht der öffentlichen Blätter spricht das Urtheil über die VerurtheilMg selbst aus. Welches andere Verbrechen den gemarterten Juden zur Last gelegt worden wäre; wir würden schweigen, denn es giebt unter jedem Volke Verbrecher. Kommt man aber mit der Anschuldigung des Genusses von Christenblut, foltert man die Angeschuldigten, sprechen ein Kriegsgericht und ein Gerichtssenat frei, und ein Minister und ein Staatsrath verurtheilen, so liegt das Tendenziöse auf der Hand, und es kann keinem Vorurteilslosen der geringste Zweifel obwalten, auf welcher Seite das Unrecht, das Verbrechen sei. Es ist traurig, wenn man behaupten und erkennen muß, daß, um ein schreckliches Gerichtsverfahren zu beschönigen, eine Verurtheilung ausgesprochen wird. Möchten diese Opfer die letzten sein, welche einem diabolischen Vorurtheile fallen, und mag dieser Vorgang zur regsten Theilnahme an dem von uns projectirten energischen Vorgehen vermittelst des zu bildenden, zur Bekämpfung der Blutbeschuldigung bestimmten Vereins, dessen Be-, gründung bekannt zu geben wir bald im Stande sein werden, auffordern! T ü r fei. Konstanttnopel, 10. August. (Privatmitth.) Bon einer Reise durch einige türkische Provinzen zurückgekehrt, theile ich Ihnen gern einige allgemeine Bemerkungen mit, die sich mir bei vorurtheilsloser Beobachtung aufdrängten. Man hat in Europa selten eine richtige Vorstellung von den Zuständen in der Türkei, da Vorurtheile und Interessen sich in der. Regel vorwiegend aussprechen. Wenn allerdings die Cultur nach europäischem Zuschnitt in vielen Beziehungen auf dem von den Türken beherrschten Boden noch keine Erfolge erzielt hat, so brauchen wir uns darum nicht einzubilden, daß die Zustände unerttäglich seien, ^oder daß Gerechtigkeit und Humanität hier nicht zu* finden seien. Aus vielen faktischen Erfahrungen erkannte ichdaß ein durchaus zu keinem hoffährttgem Wesen, zu keinem hoch müthigen Benehmen gegen. Andere verleitet. Der Türke ist, abgesehen von diesem Stolze, der gutmütigste Mensch von der Wett, liebt die strengste Gerechtigkeit und übt eine wahrhaft abrahamitische Gastfreundschaft ohne alles Gepränge und Wichtigthuerei /aus. In den Provinzialstädten giebt es viele reiche Türken,, in deren palästähnliche Häuser der Fremde, ohne anzufragen, einkehrt, sein Pferd einstellt, ißt und trinkt, und am Morgen von dannen zieht. Fanatisch üyd gereizt wird der jetzige Türke erst an den Orten, an welchen er die Europäer sich Eingriffe in die Staats - und obrigkeitliche Gewalt der Türken aneignen sieht, und wenn man auch gern zugesteht, daß die Einwirkung der. europäischen Mächte auf die Staatseinrichtungen der Türkei eine Besserstellung der Nichttürken hervorgebracht hat, so wäre es doch auch unwahr, wenn man die letztere nicht anerkennen wollte. Cs giebt z. B. jetzt keinen Gerichtshof in denjenigen Städten, wo eine bedeutende Zahl Juden ansässig ist, bei welchem nicht auch Juden als Beisitzer fungirten. Wenn man in. den europäischen Blättern öfter über die Vertreibung der Türken aus Europa wie über eine leichte, eigentlich sich von selbst/verstehendeSache, oderals-eine Frage lediglich der Zeit liest, so kann man sich des Lächelns nicht erwehren. Nicht blos daß die Uneinigkeit der europäischen Mächte eine nachdrückliche Abwehr für die Türken bildet, sondern man treibt auch nicht in unserer Zeit so leicht mehrere Millionen Menschen aus ihren seit fast fünf Jahrhunderten eingenommenen Sitzen heraus und verdrängt sie aus ihrem durch die Zeit geheiligten Privateigenthum. Man glaube nicht an die Schwäche/ der Türken; in einem solchen Falle würde Alles bis auf die Greise, die Waffen ergreifen und einen Kampf auf Leben und Tod führen. Es wäre wohl ausführbar, daß etwa ein französisches Armeecörps in Konstantinopel eindränge und da stätionire; "es müßte aber sehr bedeutend sein, um eine so ungeheure Stadt im Zaume zu halten. Hätte man aber damit das Land selbst im Besitz und . dauernd unterworfen? Und wer soll der Erbe der Türken sein? Wer die in der europäischen Türkei noch ansässigen Vollsstämme kennt, weiß, daß sie allesammt in sittlicher'; irrch. Mlffatoüscher' Beziehung den Türken weit nachstehen, daß Wahrheitsliebe, Gerechtigkeit, Duldsamkeit Tugenden sind-r von. denen bei ihnen gar keine Spur, daß sie dieselben aber an Rohheit und Grausamkeit bei Weitem irbertteffen. Für die 38** m Grundzug des Türken/zwar, Stolz sei, der ihn jedoch