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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-06-10 · Heft 24 (10.6.1862) · p. Seite 321

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 24 (10.6.1862)
Date
1862-06-10
Page
Seite 321 (sequence 11)
Language
German
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321 lichen Privilegium den umfangreichsten Gebrauch, so, daß wenn ein Israelit Tags über die dortigen Stadtbewohner mit allerlei Waaren versorgte und die Nacht hereinbrach, er sich genöthigt sah, wollte er nicht unter Gottes freiem Himmel campiren,'in eins der nächst gelegenen Dörfer sich zurückzuziehen, um da für sein müdes Haupt eine Ruhestätte zu finden. — Nun ist es anders geworden. Seit ejnigen Jahren haben sich viele israelitische Familien in Leitmeritz ohne allen Anstand angesiedelt, ja die Väter der Stadt gingen um einige Schritte weiter und verliehen unlängst einem israelitischen Holzhändler das Bürgerrecht. — Welchen Umschwung muß die öffentliche Meinung in Oesterreich genommen, welchen Fortschritt muß der Rechtssinn im Volke gemacht haben, wenn man Jahre lang an einem Privilegium, das-aller Menschlichkeit Hohn spricht, so fest und zähe, hält wie an einem Glaubensdogma, und es auf einmal über Bord wirft und sich den Anschauungen des gesunden Menschenverstandes, den Eingebungen der reinen Vernunft und den wahren Lehren jeder civilisirten Religion in die Arme wirft. — Aber wir bleiben bei unserer schon oft gemachten Bemerkung, die öffentliche Meinung wäre nicht zum Durchbruche gekommen, der Sinn für Recht und Billigkeit würde sich beim Volke nicht geklärt und geläutert haben, hätte die Regierung nicht den Impuls dazu gegeben. — Eine Regierung, die in ihrem Programme den Grundsatz aufnimmt: die bürgerliche Gleichstellung ist unabhängig vom Religionsbekenntnisse; eine Regierung, die die Judenin ihrem Reiche für würdig hält, daß sie an der Gesetzgebung Antheil nehmen dürfen — muß mit der Zeit die im Volke tief eingewurzelten Vorurtheile und verrotteten Anschauungen lichten und bannen und einer freundlicheren Zukunft den Weg ebnen und bahnen. — Was Dr. Michaelis anbelangt, von welchen Ihr Correspondent aus Niederösterreich in Nr. 10 Ihrer Zeitung eine Notiz bringt, erlaube ich mir noch folgendes hinzuzusügen: Dr. Michaelis ist von Geburt ein Hannoveraner und ein Anverwandter jenes berühmten Orientalisten Michaelis. Dieser Michaelis war ein solcher Gönner und Freund der Juden und des Judenthums, daß er Lessing und sein Wirken deshalb tadelte, weil Lessing es gewagt hat, in seinem Nathan einen edlen Juden darzustellen; — daher erklärt es sich auch, warum der Wiener Dr. Michaelis so eine besondere Vorliebe für die Mediciner empfindet, die ihren Gott nicht in einer Kirche, sondern in der Synagoge verehren. — Uebrigens ist Dr. Michaelis gleich nach jenem skandalösen Auftritte von Wien nach Herrmannstadt versetzt worden. Deutsch. Raab, 25. Mai. (Privatmitth.) Der reactionäre Beschluß, den der Gemeinderath zu Lemberg in seiner Sitzung am 8. l. M. faßte, nämlich die Regierung anzugehen , sie möge in der Zukunft auf die jüdische Bevölkerung Lembergs ein seperates Recruten-Contingent auswerfen, ist in einer am 15. d. M. abgehaltenen Sitzung, Dank der liberalern Anschauung einiger Heller denkenden Gemeinderäthe, annullirt worden und es bleibt wieder beim Alten. Vorzüglich verdanken wir diesen Sieg dem Plaidoher des Dr. Ziminalkowsky, der mit Recht hervorhob, schmutzige Wäsche wäre am Besten im eigenen Hause zu reinigen, der ganze Austritt am 8. wäre nur eine Folge der schlechten Vertheidigung der jüdischen Vertreter gewesen und so wurde ein Comits im Schoose des Gemeinderathes gewählt, welches alljährlich zu eruiren hätte, wie groß das Quantum des Contmgentes sei, welches sowohl die jüdische als die christliche Bevölkerung zu stellen hatte. Deutsch. Türkei. Konstanlinöpel, 7. Mai. Dem „Levant" wird berichtet: „Die israelitische Differenz, von der ich Ihnen in meinem letzten Briefe geschrieben habe, ist fast ganz beschwichtigt. Der Consistorialrath, präsidirt von Herrn Camondo, hat sich zurückgezogen. Die Pforte hat dem Großrabbiner befohlen, Galata zu verlassen und in Has-Keu'i' seinen Sitz zu nehmen, wie seine Gemeinde es verlangt hatte*) und der Rechnungsstreit zwischen der Gemeinde und dem abgetretenen Rathe wird von dem höchsten Justizhofe entschieden werden. (Dieser Bericht lautet allerdings vollständig den früheren Berichten des „Levant" widersprechend, welche ganz auf Seiten des Consistorialrathes und dessen Präsidenten Camondo gestellt hatten. Wir können nicht wissen, ob nicht die türkische Staatsregierung es für angemessener gehalten, die alte Einrichtung trotz ihrer offenbaren Nachtheile aufrecht zu erhalten, weil die ungeheure Aufregung der jüdischen Bevölkerung erwies, daß diese für eine Neugestaltung noch nicht reif und *) Diese Maßregel kann nur gebilligt werden, da Has-Keur das eigentliche Quartier der, jüdischen Bevölkerung in Konstantinopel ist. Die Redaktion, 24**

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