Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1862)
- Date
- 1862-04-15
- Page
- Seite 201 (sequence 11)
- Language
- German
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201 Felde der jüdischen Schulbildung geschehen. Die edlen und energischen Bestrebungen jüdischer, für Bildung begeisterter Männer, unterstützt von der zündenden Beredtsamkeit und dem voranleuchtenden Beispiele des als Opfer des Fanatismus gefallenen Predigers Abraham Kohn, behaupteten sich siegreich gegen Chassidismus und Orthodoxie. Trotzdem daß der Fanatismus der Chassidim in der Verfolgung seiner finstern Pläne kein Mittel unversucht ließ, ja sogar sich nicht scheute, Gift anzuwenden, den Bann gegen Alle aussprach, die ihre Kinder in die Schule schickten, so erfreute sich doch die letztere einer gedeihlichen Entwickelung. Männer wurden als Lehrer angestellt, von den Viele einen hohen Bildungsgrad mit gewissenhafter Pflichterfüllung in ihrem ernsten und schwierigen Berufe vereinten. Die Leistungen der Schüler waren daher auch mehr als zufriedenstellend. Das Ansehen und der Ruf der jüdischen Normalschule verschaffte sich Anerkennung auch in nichtjüdischen Kreisen und dieselbe trug ihren Namen „Musterschule" nicht mit Unrecht. Daher wuchs auch der Schulbesuch von Jahr zu Jahr. Schon waren die Räume der Classen nicht mehr weit genug, alle die besuchenden Kinder zu fassen — zwei Trivialschulen mußten errichtet werden. — Aber leider ist seit einiger Zeit ein Umschwung eingetreten. Die Leistungen der Schüler sind nicht mehr wie vormals. Der Ruf der Schule und das Ansehen der Lehrer sinkt von Jahr zu Jahr. Allgemein fängt die Ansicht zu wurzeln an, daß man in der jüdischen Schule nichts lernt und in diesem Urtheile stimmen auch Männer überein, denen die Eompetenz zu einem Urtheile im pädagogischen Fache nicht abgesprochen werden kann. Däher tragen auch die vornehmen Israeliten in Lemberg Bedenken, ihre Kinder in die jüdische Schule zu schicken und ziehen Privatunterricht dem. öffentlichen vor. Sie werden gewiß vor Allem um die Ursachen dieser Erscheinungen fragen. Nun, diese sollen hier rücksichtslos beleuchtet werden. — Die erste Ursache hierzu ist, daß mit Ausnahme sehr w eniger Lehrer die übrigen ihre Pflicht nicht erfüllen. Ja, es ist traurig genug, aber man muß es sagen, daß die meisten Lehrer sich der Größe und Heiligkeit ihrer Aufgabe nicht bewußt sind. Zwar sucht noch hier und da ein Lehrer bei der öffentlichen Prüfung zu glänzen. Allein dies sucht er dadurch zu erreichen, daß er die Schüler mit Sachen überladet, die weit über ihre Geisteskräfte sinch während er die nothwendigen Gegenstände, wie Sprachlehre, Dictando vernachlässigt. Niemand aber laßt sich dadurch täuschen, und jeder Verständige beklagt nur den unnützen Aufwand an Zeit und Kraft. Denn wqs der jugendliche Schüler nicht begreifen kann, was er nur durch mechanisches Einbüffeln mühsam memorirt, und dann keine Gelegenheit hat, es zu üben und zu gebrauchen, das wirft er gleich nach der Prüfung als unnützen Ballast über Bord. Was möchten Sie z. B. über einen Schüler sagen, der über die Ekliptik eine Stunde lang declamiren kann, darüber aber die einfachsten Regeln aus der Sprachlehre vergißt, oder zu lernen vergessen hat! Es soll in der Normalschule Geographie gelehrt werden, aber nur die Anfangsgründe, nur Das, was dem Begriffsvermögen der Schüler angemessen ist. Und doch ist dieses erst das kleinste Uebel, an welchem unsere Schule leidet. Denn ein solcher Lehrer zeigt immerhin, daß er Energie und Kraftanstrengung entwickelt. Man gebe seiner Thatkraft nur die gehörige Richtung, und die erfreulichsten Resultate werden erzielt. Was aber macht man mit einem Lehrer, der eben die Anstrengung scheut, der, wenn er die definitive Anstellung erhalten hat, in den Hafen der Ruhe eingelaufen zu sein wähnt, und wenn er sich getäuscht sieht, es wenigstens nicht an gutem Willen fehlen läßt, sein Amt zu einem solchen Hasen zu machen? Leider sind in unserer Normalschule viele solcher Lehrer. Dagegen giebt es nur ein Mittel, und dieses ist: daß der Director unserer Schule die Lehrer einer strengen Controls unterziehe, den fleißigen ermuntere, den pflichtvergessenen aber zuerst eindringlich ermahne, und wenn die Ermahnung erfolglos sich zeigt, rücksichtslos auf dessen Entsetzung antragt. Wir brauchen nur ehrliche Leute bei einem so wichtigen Amte; aber Der ist kein Ehrenmann, der verdient keine Rücksicht, welcher seine Pflicht vergißt — möge diese auch schwer sein und Anstrengung kosten. Am meisten wäre diese Controle für die Lehrer unserer Trivialschulen zu wünschen. Denn dort herrscht ein großer Unfug, ein Unfug übrigens, der auch in der Normalhauptschule stattfindet, und Lehrer und Schule ihres Ansehens beraubt. Was kann z. B. ein jüdischer Vater von dem Lehrer seines Kindes denken, wenn er sieht, daß man von demselben für elende zwei Gulden ein gutes Zeugniß erkaufen kann? Wie stellt sich ein Lehrer in den Augen seiner Schüler bloß, wenn er diese durch Mißbrauch seiner Amtsgewalt zwingt, bei ihm Papier, Federn u. dgl. zu kaufen, er den Preis dieser Artikel zugleich um ein Beträchtliches höher setzt, als man sie anderswo bekommen kann? Referent hat sich persönlich überzeugt, wie ein Lehrer seine Schreibtheken siegelte und alle Kinder bestrafte, sowie ihnen die Theken zerriß, sobald sie es wagten, dieselben anderswo zu kaufen. Glauben Sie vielleicht, daß diesem Lehrer die Nachtheile unbekannt sind, die aus solle**