Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1862)
- Date
- 1862-04-15
- Page
- Seite 199 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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ISS Die Folgen dieser Explosion sollen schrecklich gewesen sein. Es soll nämlich einstimmig beschlossen worden sein: den Namen des Dr. L. nicht mehr in dieser geheiligten Stätte (der Klaus) auszusprechen und daß Derjenige dem tnn verfallen sei, der dieses Blatt im ganzen Rahon dieses Städtchens zu lesen wagen sollte! — Raab, 30. Marz.. (Privatmitth.) Die nagelneue geschichtliche Wahrheit, welche der gewesene preußische Cultus-Minister zum Staunen der Mit- und Nachwelt im Leben des Judenthums ent- und aufdeckte, nämlich die Wahrheit, daß das Judenthum Verfolgung ssüchtig sei, hat bereits, als mitteleuropäische Pflanze, auf österreichischem Gebiete, und zwar in Südungarn, sich acclimatifirt; aber nicht, wie Sie etwa glauben dürften, auf rein römisch-katholischem, sondern auf evangelischem Boden. In Szegedin lebt eine kleine evangelische Gemeinde. Diese Gemeinde besitzt gerade keinen Ueberfluß an pekuniären Mitteln, um ihre Anstalten nach Gebühr pflegen und warten und die Bedürfnisse derselben gehörig decken und befriedigen zu können. Da haben die Szegediner Juden zuweilen.den menschenfreundlichen Einfall, dieser Gemeinde durch namhafte Spenden unter die Arme zu greifen. Sie verlangen keinen Dank dafür, sie fordern keinen diesseitigen Entgelt, sondern das schöne Bewußtsein, eine humane Handlung ausgeübt zu haben, genügt ihnen vollends. Die ev. Gemeinde ihrerseits aber begnügt sich hiermit nicht, sondern sie entgilt diese Anspruchslosigkeit der dortigen Juden mit der Verdächtigung: daß das Judenthum verfolgungssüchtig sei, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil Hr. Löw, Rabbiner in Szegedin, es wagte, dem „Szegedi-Hiradö" entschieden entgegenzutreten, einem Blatte, welches ein gewesener Ordensgeistlicher im klerikalen Sinne redigirt und zuweilen mit dem Redactionspinsel grell die Farben austrägt. Sie sehen exemxlg trahunl. Und warum nicht? Wenn eine so hochgestellte, die gesammten Cultusinteressen eines großen Staates vertretende Persönlichkeit, wie Herr v. Bethmann-Hollweg, von der Tribüne herab der Welt die Wahrheit verkündet, daß das Judenthum verfolgungssüchtig sei, obgleich er als Unterrichtsminister die Geschichte kennt und weiß, daß sie ihn auf jedem Blatte Lügen straft — wie sollte eine kleine Gemeinde zögern, ihrem Herrn und Meister auf diese Bahn zu folgen und seinen Ausspruch als unumstößliches Axiom zu acceptiren? — Nun, Herr Doctor, Sie haben das Ihrige gethan, haben Se. Excellenz durch Ihr offenes Sendschreiben in die ihm gebührenden Schranken zurückgewiesen; Einer Ihrer werthen Collegen that es nicht minder. Herr Dr. Jellinek in Wien brach ebenfalls für die verletzte Ehre des Judenthums eine Lanze, aber nicht wie Sie, durch das gedruckte, sondern durch das lebendige Wort der Rede. Herr Dr. Jellinek hielt ist «b nai» eine Rede, wählte zum Thema den neuesten Glaubensartikel des preußischen Ministers und bewies im ersten Theile seiner Rede durch Citate der alten und neuen Geschichte das gerade Gegentheil von Dem, was Se. Excellenz zu behaupten beliebte; im zweiten Theile derselben aber rügte und mißbilligte er jene im Schoße mancher Gemeinde auftauchende Erscheinung, daß sich Mitglieder gegenseitig befehden, wenn es gilt, eine Ceremonie zu modificiren oder abzuschaffen, ja diese Meinungsdifferenz pflegt mitunter einen solch bösartigen Charakter anzunehmen, daß die Behörde einzuschreiten sich bemüssigt sieht; dadurch werden Staatsmänner, aber irrtümlich, verleitet, zu glauben, daß das Judenthum verfolgungssüchtig sei, sowohl gegen Andersdenkende unter, als auch gegen Andersgläubige außer sich. Deutsch. Raab, 6. April. (Privatmitth.) Am 25. v. Mts. traten eweg 200 Delegirte sämmtlicher israelitischer Gemeinden Böhmens in Prag zusammen, um zu berathen über einen Entwurf „einer neuen Cultus-Gemeindeordnung". Zwei Tage dauerten die Debatten, die auf eine sehr lebhafte aber würdige Weise geführt wurden. Endlich wurde ein Comits gewählt, bestehend aus 26 Mitgliedern der Landgemeinden und 6 der Prager Gemeinde, welches ein Memorandum auszuarbeiten hat, und dieses ist dem nächsten böhmischen Landtage zu unterbreiten. Sie sehen, wenn man eine derartige Notablen- Bersammlung zu berufen für nöthig erachtet hat, so muß es etwas faul im Staate Dänemark sein. Und in der That hörte man in dieser Versammlung scharf betonen das Umsichgreifen einer gewissen Hierarchie seitens der Rabbiner; man wies hin auf das bereits in Fäulniß übergegangene Institut der Kreis-Rabbiner, auf das Sichunheimlichfühlen der dortigen Local-Rabbiner vis ä vis jener höhern Omnipotens. — Auch die Gemeinden Mährens benöthigten einer gänzlichen 16