Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-04-08 · Heft 15 (8.4.1862) · p. Seite 174

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 15 (8.4.1862)
Date
1862-04-08
Page
Seite 174 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226310-3226326--20226-3249281
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

174 maligen Umschwung für die nächsten Jahre nicht zu erwarten haben. Nach der Stimmung des Landes wird das bevorstehendes Abgeordnetenhaus 'entschieden^ liberal sein, und : das Zerwürfniß mit dem gegenwärtigen Ministerium sofort zu Tage treten. Diese Kundgebung, auf welche das letztere gar nicht' anders als vorbereitet sein kann, wird aber keine Einwirkung haben, um die liberale Partei zur Geltung zu bringen:, sondern das Ministerium wird schon in diesem Äugenblicke wissen, wie es verfahren will, um auch alsdann weiter zu regieren, wodurch denn immer mehr Schritte nach rechts, immer unbedingtere Hingebung an die feudal-pietistifche Partei nothwendig werden. So wird denn die „kleine" Partei wieder die „mächtige" sein. Daß dies nicht auf immer der Fall sein wird, daß diese wiederholte Herrschaft der Feudalen wieder nur eine zeitweise sein kann und dem Aufflackern des Lebenslichtes in den letzten Stunden vor dem Verlöschen immer mehr gleichen wird, das ist unsere feste Ueberzeugung. Für die nächsten Jahre indeß wird es sicherlich aushallen; es sei denn, daß ganz außerordentliche Ereignisse eintreten, von außen kommende, die kein Sterblicher im Voraus zu berechnen vermag, auf welche man aber auch in seinem Calcul nicht zählen darf. Gerade in einer solchen Zeit bewährt sich der Segen, der in einer unabhängigen Stellung liegt, wie sie das Judenthum in Preußen inne hat, und in welcher sie zu erhalten das Princip jeder preußischen Staatsregierung von jeher war. Unsere Leser wissen, daß wir diese Unabhängigkeit stets vertheidigten, und die etlichen Nachtheile, die damit verbunden sind, gern ertrugen. Wir wollten gesetzliche Regulirung gewisser Momente, welche in der chaotischen Anarchie sehr schädlich wirken, aber niemals Einmischung des Staates in unsere innern Angelegenheiten. Ob letztere von zelotischen Orthodoxen oder von verblendeten Reformern angerufen wurde, wir bekämpften sie, soweit wir es vermochten. Verfolgt nun eine Regierung die pietistifche oder ultramontane Richtung, dann leuchtet unsere Unabhängigkeit erst recht als ein wahres Juwel hervor und der Name „Jude" wird ein wahrer Talisman gegen alle Uebergriffe auf dem Gebiete des Geistes und der Religion, wie z. B. die ultramontanen Priester dem österreichischen Ministerium Thun gegenüber die Führung der Aufsicht über jüdische Schulen verweigerten, weil ihnen dies die Grundsätze der katholischen Kirche verböten. Nehmen wir es daher unter den gezeichneten Auspicien um der' Unabhängigkeit des Judenthums willen mit in den Kauf, daß abermals der Staatsdienst uns gänzlich verschlossen bleiben wird, daß die jüdische Schule keine gesetzliche Regulirung, keine^Stellung^als' Öffentliche, leine-Unterstützung AusHädtischen und ^StäatsrniÜeln erhalten wird, -daß' wir noch^Jahre lang more judaico schwören müssen und was noch zu unfern anderweitigen Beschwerden gehört. Um so mehr muß aber diese zweifellose Aussicht ein ernster Aufruf Muns seindiese Selbstständigkeit in rechter Weise zu benutzen und uns ihrer würdig zu machen. Hilf Dir selbst und es wird Dir geholfen fein, und Du wirst die.göttliche Vorsehung dankend anbeten, daß sie Dich in eine solche Lage versetzt hat, wo Dir Deine eigene Energie die alleinige Zuflucht blieb. Darum auf, Ihr israelitischen Gemeinden in Preußen, erwachet aus Eurer Thatlosigkeit, bildet und entwickelt Euch von innen heraus, nach eigener Einsicht und mit nachdrücklichem Eifer! Woran es fehlt und was zu thun sei, kann in der That jetzt Niemandem mehr zweifelhaft sein, und bedarf es hiezu weder Synoden, noch Rabbinerversammlungen. Nach so vielen Diskussionen in der Presse weiß es Jedermann, oder kann es aufs Leichteste erfahren. Zwiefaches ist es, was Euer Ziel fein muß: die Veredlung Eures Gottesdienstes und die Organ isirung Eures Schulwesens. Es giebt nur noch wenige Landstriche im preußischen Staate, wo die ungeheure Mehrzahl der Gemeindeglieder nicht von der Nothwendigkeit eines verbefferten^Gottesdienstes durchdrungen wären, die Gegner aber nicht aus Ueberzeugung, sondern nur aus Oppositionslust sich dagegen strauben. Wenn nur erst zu dieser Erkeüntniß der Nothwendigkeit sich auch das Bedürfniß gesellte, das Verlangen, das nicht bei dem bloßen Wissen stehen bleibt — dann wäre Alles gut. Aber der Jndifferentismus der Mehrzahl macht es der Widersetzlichkeit der Minderzahl so leicht, Alles im alten Verfall zu lassen. Bedenkt aber, daß, je mehr man etwas für recht und angemessen hält und dennoch nicht ausführt, die Mißachtung und selbst Verachtung immer stärker hervortritt und sich als Strafe und Fluch auf die Zukunft niederläßt. Es ist wirklich erstaunenswerth, wie in den Gemeinden, deren Mehrheit für ihre Personen jede jüdische Satzung und Sitte abwirft, die kleinlichsten Rücksichten hinsichtlich des Gottesdienstes genommen werden, und daß die würdigsten und sonst thatkräftigen Männer dabei nicht fühlen, wie sehr sie sich selbst entehren, oder sich gar noch als Verdienst anrechnen, was pure Schwäche ist. Aber fast noch mehr muß augenblicklich Eure -ganze Aufmerksamkeit auf Euer Schulwesen gerichtet werden,- bestehe dieses nun in Bürger-, Elementar-, oder nur in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.