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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-02-11 · Heft 7 (11.2.1862) · p. Seite 84

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 7 (11.2.1862)
Date
1862-02-11
Page
Seite 84 (sequence 12)
Language
German
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84 sen beschränkten, stellte man den neuen Schulen vorzugsweise das Ziel, im nichtjüdischen Wissen Fortschritte zu machen, wodurch aber jür jüdische Lehrer, die an jüdischen Schulen, prakticiren sollen, eine große Mangelhaftigkeit entsteht. Einleuchten wird es, daß in weiterer Folge bei diesen Lehrern nun auch ein antijüdischer Geist sich einstellt. Gestatten Sie mir, mich hierüber weiter auszulassen. Unser Schulfond ist von der Lichtpacht, zu der Jeder, reich oder arm, sein Scherflein beiträgt, gegründet. Von diesem Fond werden nicht allein die Lehrer besoldet, sondern die ärmere studirende Jugend wird von demselben mit allem Röthigen besorgt. Welchen Eindruck muß es aber auf die hiesige Judenheit machen, wenn dieselbe Jugend, die sie mit ihrem Gut und Blut groß genährt und groß gezogen, sich, nachdem sie Lehrer geworden, stolz aufbläht und mit wegwerfender Verachtung gegen sie benimmt! Wenn die Jugend, pochend auf das Ärschen Wissen, das im Grunde (darin stimmt die Oefsentlichkeit überein) ein ungründliches und' höchst beschränktes ist, aller Religion Hohn spricht und ihren Leichtsinn frech zur Schau trägt! — Wie soll denn das Schulwesen 'bei uns aufkommen, wenn Lehrer, deren Kenntniß der jüdischen Sprache, Literatur und Geschichte sich auf Null beläuft, am Sabbath in Restaurationen öffentlich Billard spielen und Cigarren rauchen? Sieht die Jugend, daß der Autodidakt eine der ihrigen ganz entgegengesetzte Richtung einschlägt und sich wohl in Acht nimmt, das religiöse Gefühl seiner Glaubensbrüder zu verletzen, so schilt sie ihn Heuchler, Gleißner, Melamed und noch andere solcher liebenswürdigen Epitheta, oder sie intriguirt so lange bei der Schulbehörde, die der Jugend mehr Zutrauen schenkt, da sie nicht im. Stande ist, deren jüdisches Wissen zu würdigen, auch nicht in das religiöse Gefühl unserer Glaubensgenossen einzudringen, bis er seiner Stelle entsetzt wird. — Ein neues Gesetz befiehlt die allmählige Entfernung aller alten Lehrer vom Lehrfache; welches Loos wird aber das hiesige Schulwesen treffen, wenn die Männer, die allein das Zutrauen der Gemeinden sich zu erwerben vermögen, aus demselben entfernt werden? Man täuscht sich ungemein, wenn man von solchen Städten, wie Odessa, Wilna, Zitomir u. a., auf den Bildungsgrad hiesiger Judenheit schließt. Jeder dieser fortgeschrittenen Städte kann man eine ganze Legion Städte entgegensetzen, die sämmtlich von-dem Dasein einer Zeitung keine Ahnung haben; — sie leben abgeschieden und ausgeschlossen von aller civilisirten Welt in einem, mittelalterlichen Zustande,; von dem man in gebildeten Kreisen keinen. Begriffe hat. In der Mitte dieser Städte hät man Schulen gegründet, und, hofft eine günstige Umwälzung in Sitte, Leben und Gesinnung derselben hervorzubringen vermittelst Lehrer, die vom Judenthume wie vom Hörensagen einen Begriff haben, die, nachdem sie ihre ganze. Jugend im engen, abgeschlossenen Kreise einer verpönten Rabbinerschule zugebracht, mit der höchsten Arroganz in die Welt treten, und sich zu Reformatoren aufwerfen wollen, — weil sie ein Artikelchen, meistentheils skandalösen Inhalts, in russischer Sprache schreiben können.. Man müßte eine ganze Chronique scandaJeuse schreiben, wenn man die Mittel schildern wollte, die, die Schüler der Rabbinerschulen anwenden, um von ihren Lehrern gute Atteste zu erzwingen. Letztere werden.persönlich bedroht, bei der Behörde verleumdet und ihre Frauen öffentlich beschimpft, bis sie nachgeben und auch den Unwissenden gute Zeugnisse ausstellen, und dann geht es hinaus in die Welt und trotzt auf seine Tüchtigkeit als Lehrer, da es doch Schwarz auf Weiß in ihrem Diplom so geschrieben steht! — Endlich verdient auch unser Schulwesen von einer andern Seite Beachtung. Wie will man, daß die Schulen die Sympathien der Gemeinden sich erwerben, wenn zu deren Leitern und Lehrern Katholiken, die die Gehässigkeit ihrer Kirche , gegen das Judenthum in die Schule mitbringen, die diese Stellen nur als Siuecuren betrachten, einsetzt? Wie kann man denn von Polen, die ihren Nationalstolz und herzlose Verachtung der Juden auf jedem Schritt bethätigen, verlangen, daß sie eine neue Epoche bringen, und der Jugend einen bessern Begriff, von Menschenwerth und ihrer eigenen Zukunft beibringen? Die Erfahrung hat gelehrt, daß die Schulen, deren Leitung ächten Russen und nicht Zwittergestalten von Polen überlassen ist, bald emporkommen, während diejenigen unter der Leitung der verkappten Jesuiten nur vegetiren und ein kümmerliches Dasein fristen. Ihre Zeitung wird in maßgebenden Kreisen Lei uns gelesen und beachtet; ein Wort von Ihrer Feder würde eine weittragende Wirkung haben, Sie werden sich um die gute Sache noch ein Verdienst erwerben.— Jetzt wäre es ein Wort zur Zeit, da die Rabbinercommission in Petersburg tagt, und eine Reform in unserm Schulwesen Ln Aussicht gestellt wird. Verlag von Barrmgärtuers Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redacteur: K. Nabe.. *

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