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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-02-11 · Heft 7 (11.2.1862) · p. Seite 74

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 7 (11.2.1862)
Date
1862-02-11
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
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toten, Magister, Candidaten anderer Facultäten besitzen, kurz alle Graduirten, für in allen Zweigen des Staatsdienstes anstellungsfähig erklärt und es fällt für sie jede für die andern Juden bestehende Beschränkung des Wohnrechts fort. Solche Graduirte dürfen ferner an allen Orten im Reiche ihren beständigen Wohnsitz nehmen' und daselbst Handel und Gewerbe betreiben und an den Orten, welche sonst den Juden für'den bleibenden Aufenthalt verschlossen sind, außer ihren Familienmitgliedern zwei jüdische Dienstboten, die Kaufleute zweiter und dritter Gilde außerdem einen Commis oder Comptoirchef jüdischer Religion halten. Ferner haben alle Israeliten, welche auf einem Lyceum oder Gymnasium einen vollen Cursus durchgemacht und für ihre"ausgezeichneten Erfolge in den Wissenschaften die goldene oder silberne Medaille erhalten haben, Anspruch auf den persönlichen Ehrenbürgerstand. Alle im Cultusministerium oder an öffentlichen Lehranstalten angestellten Israeliten sind für ihre Dienstzeit von Abgaben und Steuern befreit. Endlich sind die bei den jüdischen Staatsschulen als Ehrenaufseher bestellten Juden so wie die Inhaber von jüdischen Privatschulen zweiten Ranges nach einer gewissen Dienstzeit decorationsfähig, resp. fähig, persönliche Ehrenbürger zu werden. — Hoffen wir, daß diese Wohlthaten, die unseren russischen Glaubensgenossen geworden, sich bald auch auf die polnischen erstrecken werdend Wie bekannt, liegt jetzt ein vom neuen polnischen Reichsrathe entworfenes Judengesetz der höchsten Sanction vor. Der deutsche Ualionalverein. Es ist weder unsere Aufgabe, noch der Ort hier, unsere Ansicht über den deutschen Nationalverein, seine Berechtigung und seine Zweckmäßigkeit uns auszusprechen. Wer unsere Meinung über denselben zu erfahren wünschte, braucht nur unsere Vorlesungen „Ueber die Resultate in der Weltgeschichte" (Baumgärtner 1860) nachzulesen. Gewiß ist es, daß sehr viele deutsche Juden sich ihm angefchlossen, und daß etliche seiner wärmsten Anhänger zu unfern Glaubensgenossen gehören, wie denn auch, wenn wir nicht sehr irren, Dr. Veit in Berlin einer feiner Gründer und Leiter ist. Bekanntlich identificirt sich der Verein mit den Ideen des Liberalismus, wie er denn auch nicht anders kann, wenn er ein deutsches Parlament zum Schwerpunkt seiner Bestrebungen macht. Um so aufmerksamer müssen wir . darauf sein, wenn sich allgemach auch in ihm jene alten Antipathien gegen die Juden zw äußern beginnen,, dis leider gar zu leicht sich deutschen Bestrebungen eiPmifchen, Antipathien, welche Judenhaffer so gern als germanische , bezeichnen. Es lebt noch in der Erinnerung, daß auch ' die deutschen Bestrebungen am Ende des zweiten und am Anfänge des dritten Jahrzehends des lausenden Jahrhunderts zuletzt in nichts weiter Äs eine Art von Judengesetze hinausliefen, als ob die Impotenz nach anderen Seiten sich wenigstens gegen die Juden Luft machen wollte. Wir hoffen, daß dies'jetzt nicht der Fall sein, daß die deutsche Sache weder zur bloßen Deutschthümelei, noch! Zum Hepp-Heppgtschrei abermals herabsinken werde. Aber wachsam müssen wir doch auch hierbei sein und desfallsige Symptome nicht außer Acht lassen. Es wurde uns bereits von mehreren Orten, z. B. von Frankfurt a. d. O. berichtet, daß in Versammlungen der dortigen Mitglieder des Nationalvereins judengehässige Auslassungen vorkamen^ ohne daß dieselben gerügt oder widerlegt wurden. Wir finden aber auch in der Wochenschrift des Nationalvereins vom 24. Januar einige Andeutungen, die wir hier nicht ganz unbeleuchtet lassen wollen. In einem Artikel über deutsche Ein- und Auswanderung wird hervorgehobeu, aus welchen Gründen die Provinz Posen einen ergiebigen Boden für deutsche Einwanderung biete, und es heißt dann : „Bis jetzt ist dieser Umstand' weniger der deutschen Einwanderung, als den einheimischen Juden zu Gute gekommen und es ist doch wahrlich keine Zufälligkeit, daß unter den anderthalb Millionen Einwohnern der Provinz sich 75,000 mosaische Glaubensgenossen finden." Aus dieser großen Zahl wird dann weiter gefolgert, „daß sie hier doch ihr Geschäft in ganz vorzüglicher Weise gemacht haben müssen." Wäre dies die Expectoration eines junkerlichen Blattes, so verdiente es keine Notiznahme. In einem Blatte aber, welches sich vorzugsweise von den Ideen des Fortschritts in politischer wie volkswirthschastlicher Beziehung leiten läßt, kann eine solche unrichtige Behauptung nicht unbeachtet gelassen werden. Zuerst ist die Voraussetzung! falsch, als' ob die Juden der Provinz-Posen sich in vorzüglichen finanziellen Verhältnissen befänden. Wir können das Gegentheil versichern. Neben einer Anzahl sehr begüterter Juden gehört die bei Weitem größte Mehrzahl zur völlig unbemittelten Claffe, so daß der allgemeine Besitzstand der dortigen Juden zwar nicht so gering wie-bei ihren Glaubensbrüdern im Königreich Polen ist, doch aber

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