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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1861-10-08 · Heft 41 (8.10.1861) · p. Seite 589

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
25 (1861)
Issue
Heft 41 (8.10.1861)
Date
1861-10-08
Page
Seite 589 (sequence 5)
Language
German
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men und aussaugen, so haben auch die schwülen, den Schlaf verscheuchenden Nächte so manches literarisches Gezücht hervorgerufen, das an einer schönen geistigen Frucht unaufhörlich nagt. Und wie die Larven in den Cocons, die sie aus sich selbst weben und spinnen, ganz von der Außenwelt abgeschnitten, ihren Winterschlaf halten, so webt sich dasselbe eine Autoritätshülle, durch welche es sich gegen Verstand und Einsicht als unberechtigte Eindringlinge abschließt, damit ja in ihre finstern Gänge kein Lichtstrahl cindringe. Wenn sich diese literarischen Blattwespen nur auf ihre eigene Verthcidigung beschränkt und sich nicht angemaßt hätten, mit ihrem Summen und Schwirren die Stimme der Vernunft zu übertönen, so würde es sich wahrlich nicht der Mühe lohnen, von ihrem Eintagsleben Notiz zu nehmen; da sich nun aber eine Brochürenliteratur, von den Männern des Fanatismus hervorgerufen und nach Verhältniß der Schmähungen und Verdächtigungen mit Gold bezahlt, entwickelt hat, Broschüren, die alle Schöpfungen des Geistes verhöhnen und verspotten, so sie nicht ganz dem todten Buchstaben ihrer kanonisirten Schriften entsprechen, so muß man denn doch einmal in diesem Schmutzhaufen wühlen, um das Streitobject näher ins Auge zu fassen und zu . sehen, wie die so gut bezahlten Söldlinge der Orthodoxie die uralte Frage, ob die Tradition einen göttlichen Ursprung habe, nach dem heutigen Standpunkte der Wissenschaft zu lösen suchen. Daß es eine Tradition giebt, die so alt ist, wie die historische Kenntniß des Gesetzes selbst, wurde' nie in Frage gestellt, nur lag Das, was wir mit. dem Namen Tradition bezeichnen, in dem Schriftworte selbst. Zu der Zeit, wo die Schriftsprache noch Volkssprache war, wurde seine Bedeutung von Allen erkannt und erfaßt, ohne besondere Lehre und Deutung zu bedürfen. So wurde nach Jer. 17. das Laftentragen, und nach Nehem. 13. Handel und Wandel unter den am Sabbath verbotenen Arbeiten verstanden, während der Talmud Handel und Wandel nicht unter die 39 verbotenen Arbeiten zählte. Es wußte Je-- der, daß die Vorhaut, daß -yy das Ethrog, daß unter N27 das Abschlachten der Luft- und Speiseröhre und unter w22 das Fasten gemeint sei, wahrend in der talmudischen Zeit der Wortsinn von diesen und andern nicht mehr sicher war und die Rabbaniten die wahre Bedeutung auf gezwungene Weise urgiren. Da nun aber auch das mosaische Gesetz selbst in der ersten Tempelperiode nicht gehandhabt und so beim Volke ganz in . Vergessenheit gekommen war, so mußte, es geschehen, daß der Geist und Sinn vieler Gesetze, besonders in Fällen, wo das Wort nicht ausreichte, sich nicht mehr fest und ungetrübt , im Volke erhalten hat. Die Schulen und Secten gingen daher in der Deutung selbst solcher Gesetze und Riten auseinander, die dem Leben und Cultus angchörten und deren Vergessenheit nur der vieljährigen Unterbrechung beizumessen ist; daher die verschiedene Deutung von raiai-7 n-ima?}, die Ungewißheit über das Schlachten des Passahlammes, wenn der 14. Nissan am Sabbath fiel und ähnliche Kontroversen, zu deren Feststellung man sich nicht immer auf eine sichere, auf die historische Ueberlieferung berufen konnte. Um nun für die schwankende, unsichere Tradition in der Schrift selbst einen Stützpunkt zu haben, suchte man Deutungsformen, denen man, um ihren Werth zu erhöhen, einen sinaitischen Ursprung beilegte, gerade so wie in unserer Zeit der berühmte -Rabbiner Malbim eine künstliche rabbinische Grammatik ersann, um die oft gezwungenen Auslegungen des Sifra sprachlich zu begründen. Außer diesen Gesetzesdeutungen und Gesetzeserweiterungen werden noch viele Gebräuche und cultuelle Riten, deren Ursprung nicht nachweisbar ist, bald für sinaitische Halachoth ausgegeben, bald , auf biblische Personen zurückdatirt; so auf Moses 5. cultuelle Gebräuche untergeordneter Wichtigkeit; auf Josua 17. straßenpolizeiliche Anordnungen u. dgl. Der Dichter der Liebeslieder, der heidnische Frauen geheirathet und den die Bibel überhaupt nicht als Muster der Enthaltsamkeit schildert, soll nach einer talmudischen Ansicht die. biblischen Verwandtschaftsgrade erweitert, ferner die Einrichtung getroffen haben, durch ein erkünsteltes culinarisches Mittel und durch topographisches Einschichten die den freien Verkehr und die Zurichtung der Speisen hemmenden Sabbathgesetze umgehen zu können. Während der Talmud (Jerus.) die Ernkordung des Simri ' dem Pineas als ein ungerechtfertigtes fait accompli anrechnet, wird David von Urias Tod freigesprochen und seine Sünde durch das Vorgeben beschönigt, daß die in den Krieg ziehenden Krieger sich alle zuvor von ihren Frauen gesetzlich hätten scheiden müssen. Wir heben diese Stellen hervor, weil man durch diese und ähnliche in der Brochürenliteratur den Nachweis geben will/ daß die Soferim nicht die Ersten waren, die eine gesetzgeberische Thätigkeit auf religiösem Boden entfaltet hätten. Wenn man aber von derartigen Stellen die agadische Schminke und die hyperbolischen Figuren entfernt, so bleibt weiter nichts übrig, als daß sich gewisse, im Volksleben eingeführte Gebräuche und Sitten

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