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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1861-10-08 · Heft 41 (8.10.1861) · p. Seite 586

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
25 (1861)
Issue
Heft 41 (8.10.1861)
Date
1861-10-08
Page
Seite 586 (sequence 2)
Language
German
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586 genossen in Großpolen Alles nachäffen wollten, machten Miene, auch in dieser Beziehung ihnen Nachfolgen zu wollen',- thaten aber keine einleitenden Schritte, um unsere Herzen zu gewinnen. Die ganze Zeit hinduich legten sie die herbste Intoleranz an den Tag, die Pfaffen hörten nicht auf, gegen uns Beschimpfungen und Flüche von den Kanzeln herabzuschleudern, die Edelleute redeten noch immer den jüdischen Kaufmann mit den-größten Verachtungsausdrücken an, Manche hatten sogar die Unverschämtheit, die neuerdings aufgetauchte Blutbeschuldigung (in Schawlan) Juden ins Gesicht zu werfen. Am 31. Juli (russischen Styls) sollte der Jahrestag der Vereinigung Polens mit Litthauen gefeiert werden, und der hiesige Adel beschloß, für die Bauern einen Ball außerhalb der Stadt zu geben, um diese für sich zu gewinnen. Tags vorher schickte man einige Leute aus der niedrigern Volksclaffe auch an die hiesige Judenschaft ab, um auch diese zum Bauernballe einzuladen. Da sollte die sogenannte Jddnosc (Vereinigung) ansangen; man lud aber keine Individuen, die Abgesandten benutzten allein die Gelegenheit einer gerade stattgehabten Assifa (Rathsversammlung über Gemeindesachen), um dort ihre Convocation auszusprechen. Kaum aber verließen diese das Gemeindehaus, als ein Eilbote vom auch in Stadtsachen befehlshabenden Obersten kam, welcher sammtliche Judenschaft warnte, an jener Versammlung der Polen Theil zu nehmen. Man war natürlicher Weise verlegen genug, wie man am morgenden Tage zu handeln hätte) denn die Polen drohten ihrerseits, an den Juden alles Böse auszuüben, was nur in ihrer Macht stehe. Krämer und Handwerker, welche um ihre Kunden zu kommen fürchteten, hielten dafür, daß man doch den Ball besuche; den Einsichtsvollern machte es Mühe, sie davon abzuhalten. Da erst fühlten wir den Mangel eines großen Mannes in unserer Mitte; es war für unsere armen polnischen Juden eine Zeit gekommen, wo sie eine öffentliche Meinung haben sollten, während sie doch, wie immer, das neutrale Gebiet inne halten wollen!- Ich will Sie nicht lange mit Ereignissen und Episoden aufhaltcn; kurz, man nahm keinen Antheil an der Zusammenkunft. Die Juden und Polen Litthauens sind allzu sehr von gegenseitigem Haffe erfüllt, als daß sie mit einem Male verbrüdert werden könnten. Es fanden sich auch manche Haranartige *) Charaktere, welche unentschlossen bald den Polen, bald den Russen spielten. *) Midrasch Agada zu Genesis 1 l, 28. Nun ist eine weite Kluft zwischen Polen und Juden aufgethan worden, ein öffentlicher Nationalhaß eingetreten, der seit Kurzem noch vermehrt wurde,' indem hie Juden zwei aufeinanderfolgende Landesfeste (den Krönungstag des Kaisers und den Namenstag des Thronfolgers) feierten; alle jüdischen Hauser wurden illuminirt, besonders das Beth-Hamidrasch und die Synagoge. In ersterer hielt unser Rabbiner eine Rede in russischer Sprache in Gegenwart vieler Beamten, der Cantor sang das Gebet für die kaiserliche Familie. Kaufleute und Krämer leiden natürlich dadurch sehr; der jüdische Handel, welcher nur mit und um den Gutsbesitzer ging, liegt ganz darnieder. Ja, man äußerte laut, daß mau Juden, wenn man sie einmal auf Seitenwegen träfe, erdrosseln würde; Viele mußten es von eines Polen Mund ruhig vernehmen, welcher Baum ihnen zum Galgen bestimmt sei. Der Dekan der katholischen Kirche sagte unlängst seinem jüdischen Krämer, daß man am Tage der Befreiung alle Judenseelen zur Hölle schicken wird; als dieser— kleinmüthig genug — ihm seine und einiger Glaubensgenossen Anhänglichkeit an Polen entgegenstellte, ließ der humane Dekan schon die Hälfte discontiren. „Aber die Hälfte doch gewiß, vielleicht noch mehr!" Außerdem hört man von Klein und Groß ein „bedzie nam" (es wird Euch geschehen) und ähnliche Ausdrücke^ Wir wissen allzu genau, was uns erwartet, wenn die Polen, behüte Gott, es weit bringen; der erste günstige Augenblick bringt unser Verderben und gänzlichen Untergang. So stehen die Verhältnisse in unserer Stadt, in der Umgegend sieht es nicht besser aus. Die jüdischen Bewohner der kleinen Städtchen hiesigen Kreises baten den Obersten um Militärhülfe zum vergangenen Versöhnungstag, weil der Pöbel mit einem Ueberfall der Synagogen drohte. Man. gewährte ihnen die Bitte auf ihre eigene Kosten. In dem hier benachbarten Städtchen Neustadt (wo keine Soldaten waren) hat man wirklich hineingeschossen und einige Scheiben eingeschlagen; die Sache hatte aber keine weitern Folgen, man stellte sogar keine Untersuchung an. — In Schänken, wo zwei angesehene polnische Damen die Sache übernommen Halen,- Juden zur Uajmvka - einzuladen, soll ihnen eine jüdische Dame geantwortet haben: „Ihr dürstet nach unserm Blute, strebet nach unserm Verderben und Untergänge, nun wollt Ihr, daß wir Euerm Zwecke nützen sotten? habt Ihr Schawlan vergessen?" — Die leeren Worte und Prahlereien sind aber nicht die, welche uns beunruhigen sollten, vielmehr die Nach-

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