Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 25 (1861)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1861)
- Date
- 1861-09-17
- Page
- Seite 553 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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553 Kreise einen borror davor empfindet und nichts davon wissen will. — Die Schweiz. Zürich, im August. (Privatmitth.) Nach der neuesten Volkszählung befinden sich in der Schweiz 4316 Israeliten. Endingen, 1. September. (Privatmitth.) Auch in St. Gallen schafft sich der Geist der Duldung Bahn, und dieses festgebaute Bollwerk der Intoleranz, welches noch das Judengesetz von 1819 hinter sich verwahrt, kann den Angriffen der Zeit und Cultur nicht langer widerstehen. Der „Landbotc von Winterthur" vom 30. August bringt folgenden Bericht über die evangelische Synode des Cantons St. Gallen: „Die evangelische Synode dieses Cantons hat ihre Wünsche und Ansichten zu Händen des Verfassungsratheö, formulirt. Sie spricht sich mit Beziehung auf religiöse Freiheit und Erziehungswesen dahin aus: «) Der Staat gewährleistet die beiden gegenwärtig bestehenden Kirchen. b) er gewährleistet aber auch die religiöse Freiheit des Bürgers in dem Sinne, daß die Ausübung der bürgerlichen Rechte von dem kirchlichen Bekenntnisse völlig unabhängig gemacht wird; e) er gestattet die Ausübung jedes religiösen Cultus innerhalb der Schranken der Sittlichkeit und der staatlichen Ordnung. „Indem die Synode die Ordnung des öffentlichen Erzichungswesens als eine Aufgabe des-Staates betrachtet, beschränkt sie sich darauf, die Erwartung auszusprechen, daß der evangelisch-reformirten Kirche der gebührende Einfluß auf dasselbe gewahrt bleibe. „Dem bürgerlichen Gemeinwesen gehört vor Allem die Sorge für das Erziehungswesen — wir aber sollen der Sauerteig darin sein." So schloß der Präsident der Synode, Herr Pfarrer Wirth von Wattwyl, die denkwürdige Berathung." —. Ein der Emancipation der Israeliten günstiges Factum ist die Wahl des Herrn Dubs in den Bundesrath. Derselbe wirkte seit Jahren in seinem Heimathcanton Zürich auch in dieser Hinsicht als ein Mann , der aus der Höhe der Zeit steht, aus wohlthätige Weise. % Aarau, 28. August. (Privatmitth.) Der „Schweizerbote", das Organ der hiesigen Regierung, bringt unter dem 27. August folgende Mittheilung: „Nachdem die israelitischen Gemeinden Endingen-Lengnau die Wahl eines Rabbiners für dieses Mal dem Regierungsrathe überlassen und abgetreten, so hat die Behörde auf den Vorschlag der Erziehungsdirection den Herrn Rabbiner Dr. M. Kayserling aus Gredingen in Hannover, wohnhaft gegenwärtig in Berlin, zum Rabbiner der gedachten Gemeinden gewählt. Da der Gewählte sich nicht nur als Gelehrter durch treffliche Schriften über die Geschichte und Literatur seines Volkes bekannt gemacht hat, sondern auch, auf vielseitig eingezogene Erkundigungen bei anerkannten Gewährsmännern, von Seite seines Charakters und seiner übrigen Persönlichkeit einstimmig bestens empfohlen worden ist, so darf die Wahl eine glückliche und der Wohlfahrt der beiden Gemeinden, wie wir hoffen, segensreiche genannt werden." Wie wir hören, hat Herr vr. Kayserling die Wahl angenommen. Das Rabbinat ist bekanntlich durch die Bereinigung der beiden früher getheilten Rabbinate Endingen und Lengnau zu einem ansehnlichen gewachsen. Die Annahme der Wahl hat hier im Canton um so mehr Freude gemacht, als Herr Dr. Kayserling auch von der Gemeinderepäsentanz in Frankfurt an der Oder gewählt worden war, dort aber abgelehnt hat. Rußland. Warschau, 2. September. Das „Dresdn. Journal" läßt sich von hier aus schreiben: „Heute fand, wie schon gemeldet, in allen Kirchen mit Bewilligung der Regierung ein feierlicher Trauergottesdienst für die in Wilna Gefallenen statt, wenn auch von gewisser Seite erzählt wird, daß heute bei der Regierung eine officielle Depesche eingclaufen sein soll mit der Versicherung, daß keiner der Verwundeten gestorben sei. In allen Kirchen waren in der Mitte auf hohem Katafalk, von unzähligen Kerzen und Blumen umgeben, Särge aufgestellt, auf denen ein Crucifir mit einer Dornenkrone und Palmenzweigen ruhte. An der katholischen Kathedrale, so wie an andern Kirchen waren Aufforderungen angeklebt, sich nach beendigtem Gottesdienste um halb 1 Uhr zur Todtenfeier in den Synagogen einzufinden. Die Hauptsynagoge in der Danielowitscher Straße war gedrängt voll, und es bot einen eigenthümlichen Anblick dar, die größere Hälfte des Publikums