Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 25 (1861)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1861)
- Date
- 1861-05-14
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
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Grenzen unseres Königreichs hinaus zu allgemeiner Kenntniß des. jüdischen Publicums gelangt ist, glauben wir mit Zuversicht,) daß auch unsere auswärtigen Glaubensgenossen über dieselbe ebenso urtheilen werden wie wir. Wir haben es ferner als eine doppelte Anmaßung bezeichnet, daß in der Adresse einerseits gesagt war, dieselbe sei auch im Namen der Gemeinden erlassen, während lehtere hierzu durchaus keinen Auftrag ertheilt hatten, und andererseits die in den Gemeinden vorhandene Dankbarkeit und Liebe zu ihrem Herrscher gegen die der Adressanten in den Schatten gestellt wurde, und wir haben diese Ansicht noch jetzt. Ueberhaupt meinen wir, daß ein Rabbiner gar nicht berufen sei, seine Gemeinden in politischer Hinsicht zu vertreten, sonst könnte ja ein solcher, wenn seine politische Gesinnung zufällig eine der in der Adresse ausgedrückten entgegengesetzte wäre, ebenfalls behaupten, im Namen seiner Gemeinden zu sprechen, wenn er sich gegen das Staatsoberhaupt eine respectswidrige Aeußerung erlaubt und z. 33., was im Jahre 1848 wirklich vorgekommen sein soll, öffentlich mit der Bemerkung auftritt: man werde von nun an nicht mehr sagen, der König habe geruht, sondern er habe gearbeitet. Auch ist es, gelinde ausgedrückt, ein Jrrthum, wenn Sie versichern, es sei Ihre „innige, moralische Ueberzeugung, Paß Ihre säinmtlichen. Gemeinden sich freuen, wenn die Landrabbiner die in ihnen lebenden Gesinnungen der Dankbarkeit also vor ihrem Könige und Herrn auch in ihrem Namen aussprechen", da uns mehrere und darunter die geachtetsten Vorsteher Ihrer Gemeinden ihre Mißbilligung in Rücksicht auf die Adresse unumwunden zu erkennen gegeben haben. Womit aber suchen Sie unsere Vorwürfe gegen Sie zu entkräften? Sie weisen auf Ihr Berufsleben hin und fragen mit Sämüel, wen Sie beleidigt oder bedrückt, von wem Sie Bestechung angenommen und wem Sie wissentlich Unrecht gethan haben? Ist aber, fragen'wir Sie dagegen, von allen diesen Anklagen auch nur eine einzigen unserem Artikel gegen Sie erhoben worden?*) Wir haben nicht die Ehre, Sie so genau zu kennen, um über Ihren Charakter in jeder Beziehung ein competentes Urtheil abgeben zu können, räumen aber nach Dem, was wir über Sie vernommen, gern ein, daß Sie sich den Mitgliedern Ihrer Gemeinden gegenüber theilnehmend und gefällig; *) Sich, an der Spitze eines Landrabbinats einiger kleinen Gemeinden, mit Samuel, dem Richter eines ganzen Volkes, als Rabbiner mit dem Propheten zu vergleichen, war ebenso wenig am Platze, wie es angemessen und bescheiden scheint. Und was soll wohl die immer wiederholte Berufung auf die Berufstreue? Sind denn die Berufsarbeiten eines Rabbiners so überaus schwer und verantwortlich? oder werden sie nur Ihnen so schwer? erweisens allein Miese Theilnahme und Gefälligkeit vermag) auch nicht im entferntesten den argen Verstoß zu entschuldigen, den Sie durch Abfassung einer solchen Adresse gemacht. Wenn Sie jedoch in der eben veröffentlichten Festrede einen unwiderleglichen Zeugen Ihrer Wahrhaftigkeit für sich austreten zu lassen meinen, so daß nunmehr „auch nicht der Schatten eines Verdachtes von Kriecherei gegen Sie auftreten könne", so haben Sie damit Ihre Absicht durchaus nicht erreicht. Denn gesetzt, diese Festrede wäre — was wir übrigens nicht finden — in einem ebenso überschwänglichen und /extravaganten Style wie die Adresse abgefaßt und Ihre Begeisterung fände in ihr einen ebenso „treuen, seelen- und gemütvollen Ausdruck", so würde daraus höchstens zu folgern sein, daß Sie bereits vor einem Jahre auf derselben Stufe politischer Befangenheit gestanden, auf der Sie noch heute stehen und schon damals wie jetzt es nicht verstanden Haben, in Ihren Aeußerunaen Maß zu halten. Da es aber scheint, daß Sie alle Ihre bisher gehaltenen Predigten und Gelegenheitsreden sorgfältig ausbewahrt haben, so möchten wir hiermit an Sie die Bitte richten, doch einmal aus Ihrer Mappe Reden hervor zu suchen, die Sie vor 13 Jahren gehalten, da uns dünkt, daß die Aeußerungen, die wir damals von Ihnen gehört und mit denen Sie sogar, wenn wir nicht irren, zuweilen in Tageblättern „den rauhen und dornenvollen Pfad der Oeffentlichkeit" betreten haben, sich schwer mit den politischen Anschauungen, in denen Sie jetzt befangen zu sein scheinen, in Einklang bringen lassen. Wenn Sie sich indessen etwas darauf zu Güte thün, daß Ihre Collegen den von Ihnen vorgelegten Entwurf zur Adresse ohne die geringste Veränderung angenommen haben, so müssen wir daraus bemerken, daß, wie uns von zuverlässiger Sefte mitgetheilt worden ist, hierbei Umstände mitgewirkt haben, welche diese Uebereinstimmung zwar nicht entschuldigen, aber doch erklären und die wir nur aus nahe liegenden Rücksichten hier nicht weiter zur Sprache bringen wollen. Was endlich das von uns bei Erwähnung des merkwürdigen Erfolges, den die Adresse auf die Ansichten der „Neuen Hannoverschen Zeitung" gehabt, gebrauchte Citat Timeo Danaos elc. betrifft, so, sollte dasselbe durchaus nicht „ungeheuer gelehrt" sein, denn wir haben das Verstandniß desselben Ihnen zugetraut: wir wollen Sie dadurch vielmehr nur an einen bekannten Ausspruch eines römischen Klassikers erinnern, mit dessen Lectüre Sie sich seit 1848 nicht mehr befaßt zu haben scheinen. Sonst würden Sie auch jetzt noch wissen, daß ein Rabbiner alle Ursache hat, in ein Blatt, das Jahre lang jede Gelegenheit zu Jnvectiven gegen die Juden benutzt hat, gerechtes Mißtrauen zu setzen, wenn es sich plötzlich in katzenfreundlicher Weise über diese ausläßt, sogar wenn es „dieselben acht humanen Gesinnungen zu erkennen giebt, die Ihnen schon früher von sehr hoher Stelle aus in einer gnädigen Audienz" geäußert worden find. Druck vou I. B. Hirsch selb in ötipzig.