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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1859-09-05 · Heft 37 (5.9.1859) · p. Seite 528

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
23 (1859)
Issue
Heft 37 (5.9.1859)
Date
1859-09-05
Page
Seite 528 (sequence 2)
Language
German
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'samkeit, die sie in den Zeit- und GeisteSströmüngen findet, find ihr diese dennoch nur einzelne Glieder, einer großen zusammenhängenden Kette, die Wellen, und der Wellenschlag Aness unaufhörlich firömenden Flusses, tder in seinem ganzen Laufe, in allen seinen Bewegungen, in seiner Tiefe, Breite und Länge aufgefaßt sein will. Sie stelltfich auf den Standpunkt der gesummten Menschheit, ihrer ganzen historischest Entwickelung, ihrer' großen Epochen, und wie - diese fich wiederum in den einzelnen und einzelnsten Phasen wiederspiegeln. Sie geht dabei'von festen Principien, von einer ficheren Ueberzeugung;aus, welche fie sowohl in dem äußeren Gange des Menschengeschlechtes, als auch in dem großen Gedankeninhalt aller Zeiten, in den Ansichten, Meinungen und Ueberzeugungen der Nationen und Epochen selbst bewährt gefunden, und von diesen Grundsätzen aus beurtheilt sie Vergangenheit und Gegenwart, und wirkt für die Zukunft. Diese Principien sind: daß die göttliche Vorsehung'die Menschheit leitet, sie in freier Entwickelung Vorgehen läßt, aber durch ihre Fügungen sie den Weg des Forts chrittes führt; dieser Fortschritt aber besteht in der ällmähligen Verwirklichung des Rechts und der Liebe, in der Ausbreitung und Vertiefung der Erkenntniß, in der Feststellung des allgemeinen Friedens und der Sicherung des Ganzen wie des Einzelnen. Es ist nicht anders auch um die Geschichtsschreibung. Wir haben eine pragmatische Geschichtsschreibung, der es lediglich um die Feststellung der Thatsachen und faktischen Zustände zu thun ist, die allein nach der richtigen Zeichnung der wirklichen Geschehnisse in ihren äußeren Kundthuungen strebt. Dann eine Geschichtsschreibung, welche das innere Wesen, den tiefer liegenden Charakter, den geistigen Inhalt, die psychologische Entwickelung, das Leben/ die in den vorübergegangenen Zeiten, Nationen, Personen vorhanden gewesen, gewirkt und geschaffen haben, zu erfassen und zu reproduciren strebt. Aber es giebt auch eine Geschichtsauffassung-, welche in der Geschichte nicht bloße Thatsache und nicht bloße GeisteSströmüngen, sondern eineisgroße, einheitliche Entwickelung, einen bestimmten Weltgangeine Leitung und ein Ziel erkennt -— die religiöse Geschichtsschreibung. ' Sowohl die religiöse Politik als die religiöse Geschichtsschreibung haben selbst ihre Entwickelung, und stehen vielleicht noch in ihren ersten Stadien. Sie find auch vielfach verwechselt worden mit kirchlicher und hierarchischer Politik, mit Geschichtsschreibung vom kirchlichen und hierarchischen Standpunkte. , Diese religiöse Politik ist die, welche dem Wesen der israelitischen Religion einwohnt, und entsprungen ist Im Mosaismus wurden die großen Principien niedergelegt und ausgesprochen, deren Verwirklichung in der gesummten Menschheit der Weltgang des Menschengeschlechts zum Inhalt hat^ Im Prophetenthum wurde der' Grundsatz der menschengeschlechtlichen Entwickelung und das zu erreichende Ziel offenbart. Der Talmudismus und Rabbinismus strebten dahinein der zerstreuten jüdischen Masse, trotz dem Andrang der fremden staatlichen und socialen Verhältnisse, mitten im Völkersturme, die vom Mosaismus begründeien Principien der Gesellschaft innerhalb der jüdischen Gemeinden lebendig und bethätigt zu erhalten, so viel es geschehen könnte. Wir brauchen dies hier nur anzudeuten, nachdem wir die Nachweise schon so oft gegeben haben. Der israelitische Stamm war dazu bestimmt, diese Principicn zuerst zu empfangen, dann zu verkünden, durch die Jahrtausende zu bewahren und an sich selbst, so viel es den Verhältnissen nach möglich war, davon zu verwirklichen; alsdann aber, nach dem Hinaustritt in die gesammte Menschenwelt, vorzugsweise ein Werkzeug der göttlichen Vorsehung zu sein, vermittelst dessen und an dem insonders die Principien der Gewissensfreiheit und der Gleichberechtigung im Staate fich reMflren sollten. Frägst Du den modernen politischen Bezeichnungen gemäß, welche von diesen auf die „religiöse Politik" anzuwenden sei? so möchte sich hierzu keine ganz schicken. Die religiöse Politik ist 'acht konservativ, denn sie beruht auf alten, geoffenbarten Grundsätzen und hat diese zu ihrem ganzen Inhalte; sie hat die von.Gott eingesetzte Ehe und die von Gott als. Naturgesetz für den Menschen in dieser eingepflanzte Familie zu ihren ewigen Unterlagen; sie erkennt keinen Bruch mit der Vergangenheit, keinen Sprung in die. Zukunft an, sondern allein das historische Herauswachsen. Aber sie ist eben so ächt liberal; denn ihr Lebensprincip ist die Entwickelung;xste verwirft die Mumificirung des Abgestorbenen, sie will das lebensvolle Fortschreiten, weil ohne dieses ihr Wesen und ihr Ziel verläugnet würde, und die Aufgabe, die fie sich gestellt, ist. die Verwirklichung der höchsten Principien, deren die menschliche Natur in ihrem reinsten Adel, in ihrem'höchsten Aufschwünge nur fähig ist- Erkennen wir aber dies als Wahrheit an, so müssen wir uns gewöhnen, die Dinge in der Menschheit von

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