Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 30 (19.7.1858)
- Date
- 1858-07-19
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
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ken! was mischt Ihr Euch in den Streit der Geister?" Und das Krachen hielt inne aus Ehrfurcht vor der Stimme des Rufenden, und das Haus blieb stehen. Da fiel R. Elieser betcnv nieder und sprach: „Ö, so steige Du, Vater im Himmel, nieder und bekräftige die Wahrheit meiner Aussage." llnb eine feierliche Stille entstand, himmlischer Glanz erfüllte das Lehrhaus und ein Ruf erscholl: ,,Was streitet Ihr wider .meinen Sohn Elieser? Seine Stimme ist entscheidend in der Auslegung des Gesetzes!" Aber R. Josua sprang auf in glühender Begeisterung und rief: „Uns, Herr, hast Du Deine Lehre gegeben, und hast selber ja gesprochen: Braun 8b ^mbm ^22 tra die Wahrheit, die Lehre ist nicht im Himmel, sondern in Eurem Munde und Euren Herzen; uns hast Du sie gegeben, daß wir mit unserem Herzen, mit unserem Geiste sie uns zu eigen machen." Und der himmlische Glanz verzog sich und eine Stimme ward vernommen, mild und weich: Bä ■Binstt Meine Kinder haben mich besiegt, ja, ja, sie haben mich besiegt!" — Diese dem Talmud entlehnte Erzählung, was könnte sie in ihrer sinnreichen Einkleidung wohl Anderes bezwecken, als die Darlegung, daß der menschliche Geist in der Freiheit der Forschung nicht gefesselt werden darf? Der starre Buchstabenglaube will die vorgeschrittene Zeit, die veränderten Lebensverhältnisse, die religiöse und gesellschaftliche Entwickelung nicht berücksichtigen; allein jeder wohlmeinende und aufgeklärte Israelit wird mit R. Josua das tobte Wort so wie die veralteten rituellen Gebräuche als eine abgestorbene Hülle betrachten, und dem unbesiegbaren Rechte des fortschreitenden Forschergeistes das Wort reden. Und nun Ihr, Ihr Fortschrittsmänner! Auch Ihr habt dem Wahne: den Frieden zu bewahren, Euer zeitliches und ewiges Wohl geopfert, habt Euch demselben gebunden überliefert, und leget müßig die Hände in den Schoß? Wir rufen Euch mit dem großen Propheten zu: 2-ib r^äai8N Btt ■"junttb iyiöo riab ‘■jwn tnato rmfn ä*»ü ,,Wehe Denen, die das Böse gut und das Gute böse nennen, Finsterniß machen zu Licht und Licht zu Finsterniß." Ihr, die Ihr die Obliegenheit habt, der frömmelnden Heuchelei die Larve abzureißen, der Wahrheit das Wort zu reden, Ihr hüllet Euch selbst in die Maske der unlautern Andächtelei und der Werkheiligkeit? äp^b naa *pnn „Verleihe uns Liebe zur Wahrheit! " beten wir ja täglich zu Gott. In den mä8 'pro, deren religiös - und sittlich-reiner Inhalt von allen Religionsparteien gleichmäßig gewürdigt wird, findet man folgenden Spruch: iräzn ttwbw b? Qibwtt bsn yntt bn naatt b2 ,tnp öbi?tt „Auf drei Dingen beruht die Welt: auf Wahrheit, Gerechtigkeit und dem Frieden." Die Wahrheit ist-einmal das Erste, die dem Frieden, der das Letzte ist, nicht geopfert werden kann. Nun noch ein Wort an Euch, strenggläubige Glaubensgenossen, die Ihr wenigstens den Vorzug einer muthigen, selbstbewußten Entschiedenheit habt! Ein großer jüdischer Theologe Deutschlands, der dem gemäßigten Fortschritt huldigt, sagte in letzterer Zeit: „Wir und die Strenggläubigen sind in zwei Dingen eins; nur in Einem find wir getrennt. Im Gottesglauben und in der Sittlichkeit stehen wir gleich; in der äußern Form find wir verschiedener Ansicht." Bringet, theure Glaubensgenossen, zum Wohle Eurer Kinder ein kleines Opfer, und wir gehen mit Euch Hand in Hand. Erwählen wir für Pesth's große Gemeinde einen Seelsorger, der in den Fußtapfen der Breslauer, Frankfurter, Mainzer und Mannheimer Rabbiner geht. Die Erwähnten stehen im guten Ruf des Conservatismus. Ueber ihr ausgezeichnetes theologisches Wissen, ihr aufrichtiges Streben und ihren Eifer für Gott und Glaube bleibt Nichts zu sagen übrig. Sie haben sich's zur Aufgabe gemacht, die Lehre mit dem Leben auszugleichen, und jene religiösen Einrichtungen einzuführen, die die Jugend anziehen und sie zum himmlischen Vater zurückführen, Theilnahme und Wärme für das Judenthum im Allgemeinen einzuflößen, und im Familienkreise wieder jenes patriarchalische Leben zu wecken, das stets die Zierde der Judenheit war, ist ihr besonderes Augenmerk. Und derartige Männer thun uns Roth als Seelenhirten. Wir müssen einen Rabbiner haben mit dem Willen und der Kraft, zu wirken und zu schaffen. Er muß den Gottesdienst nach unserem geläuterten religiösen Gefühl regeln; er muß bei Geburts - und Sterbefällen den Ansprüchen der Humanität und des Anstands gebührende Rechnung tragen lassen; er muß den Jugendünterricht überwachen und jedes gemeinnützige Institut in der Gemeinde fördern, und wir sprechen es hier unumwunden aus, und selbst der Orthodoreste wird, sobald er einsichtsvoll genug ist, es uns zugestehen: daß zur Rettung unserer Kinder, die ganz vom heutigen Zeitgeiste influirt find, einegemäßigteResorm das einzige Heilmittel ist. Israeliten Pesth's! Ihr habt mit großen Opfern einen großen, prachtvollen Tempel, der seinesgleichen sobald nicht findet, erbaut. Bewirket, daß die Welt nicht allein die Architektur desselben, sondern auch dessen Besucher bewundere, die einträchtig und friedlich neben einander stehen, um den himmlischen Vater mit aufrichtigem und treuem Herzen nach ihren in Wahrheit und richtiger Erkenntniß geläuterten Gefühlen anzubeten, und in demuthsvvller Andacht, von allen irdischen Gedanken entkleidet, das Auge nach oben richten. Wir rufen dann mit Jesaias aus: "pia "inun ypä*11« -po&o ■»■» nna ^p"iä ‘psb ^btti naä:n i-ntta „Dann wird wie Morgenröthe durchbrechen Dein Licht, und Deine Heilung eilends gedeihen und hergehen vor Dir sein Heil und die Herrlichkeit des Ewigen Deinen Zug schließen!" Pesth, im Juni 1858. Mehrere Mitglieder der Pesther israel. Gemeinde. Druck von I. B. Hirschfeld in Leipzig.