Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 22 (1858)
- Issue
- Heft 30 (19.7.1858)
- Date
- 1858-07-19
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu No. 30. der Allg. Zeitung des Judenthums. Zur Rabbinerwahl in Pesth Jsraelrten Pesth's! Ein wichtiger Zeitabschnitt in unserem Gemeindeleben ist wieder eingetreten. Die Wahl eines Rabbiners oder Seelsorgers steht in naher Aussicht. Alle religiös gesinnten und ernst denkenden Mitglieder der Gemeinde, denen das sittliche Wohl und Seelenheil ihrer Familie am Herzen liegt, richten ihre Aufmerksamkeit dahin. Pesth's Gemeindevorstand beabsichtigt, wie wir vernehmen, bei dieser Rabbinerwahl vor Allem den Frieden und die Eintracht zwischen den verschiedenen religiösen Parteien dadurch zu wahren, daß er nur einem solchen Manne diese Würde zu verleihen gedenkt, der mit theologischen Kenntnissen auch die Kanzelberedtsamkeit verbinde, dabei aber die orthodore Richtung einzig und allein verfolge. Wohl ist der Vorsatz, den Gemeindefrieden zu erhalten, an und für sich sehr löblich; aber es ist die Frage: Kann und wird der Friede gewahrt werden, wenn man blos der kleinern Partei, nämlich der der Altgläubigen, Rechnung trägt und die größere, welche theils aus gemäßigten und radicalgesinnten Fortschrittsmännern, theils aus Jndifferentisten besteht, ganz außer Acht läßt? Wird dieser neue Seelsorger durch seine homiletischen Vorträge den Jndifferentismus, die Wirren und die Widersprüche,, welche sich im religiösen Leben der heutigen Judenheit im Allgemeinen bekunden, zu bannen wissen? — Rach unserer innigen Ueberzeugung glauben wir darauf mit „Nein!" antworten zu müssen! Wenn wir uns die vergeblichen Bemühungen der berühmten alten Rabbinen, deren ungeheuchelte Frömmigkeit und makelloses Leben sowohl in sittlicher als religiöser Beziehung Niemand anzweifeln wird, in dieser Hinsicht ins Gedächtniß zurückrufen; wenn wir ferner sehen, daß selbst das große Rednertalent eines Mannheimer nicht mehr vermochte, als höchstens in einem Zeiträume von 30 Jahren einige nützliche Humanitätsanstalten in der Wiener Gemeinde ins Leben zu rufen; wenn wir endlich in Betracht ziehen, daß bei dem größern Theil der Juden Europas dort wie hier, und hier wie dort dieselbe Zerfallenheit, dieselben Auswüchse, dieselben morschen Zustände sich vorsinden: dann muß selbst die altgläubige Partei einsehen, daß die Wege, die man bis jetzt eingeschlagen, nicht die rechten waren. Die Strenggläubigen könnten in ihrer frommen Einfalt einwenden: Daß man anstatt gelinder Mittel hätte drastische anwenden sollen, wozu man um so mehr berechtigt sei, als vor dem deutlich und klar geschriebenen Gottesgefttze, ja selbst vor den rabbinifchen Satzungen, die nach der Tradition in der Bibel ihre Begründung finden, jeder Geist sich beugen, jede weitere wissenschaftliche Forschung aufhören, kurz jeder menschliche Widerspruch verstummen müsse. Auf diesen Einwand entgegnen wir aus tiefinnerster Ueberzeugung: Waget es ja nicht, Ihr Frommen in Israel, die Jugend in das alte Geleis der Formgläubigkeit unserer Vorfahren gewaltsam zurückzusühren! Sie wird wohl den Rückgang antreten, aber in solcher Weise, daß sie von Stufe zu Stufe immer tiefer hinabsteigt, bis sie die niedrigste erreicht haben wird — Dsnb. Da wir nun Euch Frommen die Vergeblichkeit einer Rückbildung der heutigen Jugend, respective Eurer Kinder, nachdrücklich ans Herz gelegt: warum — fragen wir — wolltet Ihr doch nur einen solchen Rabbiner gewählt wissen, der nur Eurer Ansicht huldigt, und somit das Heil einer zukünftigen Generation wieder hinausgeschoben wird, indem man den Weg nicht einschlagen will, wodurch einerseits die Jugend ihrem Seelsorger sich nähern, andererseits das Judenthum in seinem heiligen Grundwesen gestärkt werden kann? Und gesetzt, Ihr hättet bereits einen altgläubigen Rabbiner gewählt, in welch' traurige, trostlose Lage versetzt Ihr diesen strenggläubigen Seelenhirten?! Während er in dem Gotteshause an den Sabbathen und anderen hohen Festtagen lauter Strenggläubige vor sich zu fthen wähnt, erblickt er beim Nachhausegehen auf den Straßen zumeist dieselben Individuen, mit der Cigarre im Munde, vor ihren offenen Läden stehen, und besucht er manche Familienväter, sonst hervorragende Mitglieder seiner Gemeinde, so wird der Speisegeruch ihn erkennen lassen, daß ein Amalgam von Gebotenem und Verbotenem in der Küche sich ganz gemüthlich miteinander verträgt. Eine darüber anzustellen, verbietet ihm schon darum der Anstand, weil man bei ihm auch nie eine nbstö macht. Abgesehen aber von der Unmöglichkeit einer gewaltsamen Rückbildung unserer Jugend im Sinne der Glaubensansichten unserer Vorfahren, ist auch die erwähnte Prämisse: daß die biblischen und rabbinifchen Satzungen keine Umänderung erleiden können, eine nicht begründete. Wir führen als Beleg dafür eine Stelle aus dem Talmud hier an: In einer Versammlung der Gelehrten wurde die Ansicht Rabbi Elieser's über eine Gesetzesstelle der heil. Schrift gar hartnäckig bekämpft. Vergebens häufte R. Elieser, der zu seiner Zeit als der in den überkommenen Ueberlieferungen gelehrteste und scharfsinnigste Lehrer verehrt ward, Gründe auf Gründe, fügte Beweis an Beweis; die andern Gelehrten wurden nimmer überzeugt, und konnten daher auch seiner Ansicht nicht beipflichten. „Nun," rief R. Elieser in steigender Erregung, „meine Vernunftgründe sind erschöpft; so möge denn ein Wunder die Wahrheit meiner Ansicht bezeugen!" Und alsbald sahen die erstaunten Weisen alle, wie ein Baum, der vor dem Lehrhauft stand, mit seinen Wurzeln sich aus der Erde erhob und allein und frei sich in Bewegung setzte. Doch sie ermannten sich alsbald und riefen: „Wie kann ein unerklärliches Wunder Das umstoßen, was unser Geist uns erklärt und deutlich gemacht?" Da riefN. Elieser in tiefster Erbitterung: „Nun, so mag dieses Haus über Euch zusammenstürzen, daß Ihr, wenn auch zu spät, erfahret die Richtigkeit meines Ausspruches." Und siehe da, es erbebten die Säulen, die Wände singen an zu wanken. Da erhob sich R. 3 osu a und rief: „Ihr Säulen und Bal-