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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1858-01-04 · Heft 2 (4.1.1858) · p. Seite 28

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
22 (1858)
Issue
Heft 2 (4.1.1858)
Date
1858-01-04
Page
Seite 28 (sequence 12)
Language
German
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L8 spricht hier Jemanden auf der Straße um Almosen an; auch dringt kein Bettler in die Häuser, nein, er bleibt durchaus und überall vor den Thürcn der Häuser stehen, Sommer wie Winter; er zieht die Hausklingel oder wartet, bis Jemand das HauS verläßt. Ich muß noch bemerken, daß hier zu Lande ein Haus größtentheils nur von einer Familie bewohnt wird. Denn die Häuser — Amsterdam, Rotterdam und der Haag ausgenommen — find einstöckig. Man bewohnt regelmäßig das Parterre. Handwerker finden Sie unter den Juden hier sehr wenige; der Jude in Holland kommt mit dem Christen bei weitem nicht so häufig und so eng in Berührung, wie in Deutschland. *) Dagegen Hilst sich der ärmere Jude hier zu Lande durch allerhand Kleinhandel — jedoch ohne Betrug — so gut er kann. — Aus der Nothwendigkeit entsprungen, haben sich hier mehrere jüdische Vereine gebildet, um der anwachsendcn Armuth, so viel eS möglich, entgegenzukämpfen. Die Männervereine übergehe ich vorerst und führe den Frauenverein als ein sehr zweckmäßiges humanistisches Institut an, wie er sich nämlich jetzt zu gestalten scheint, da die Verwaltung, die bis jetzt rein willkürlich', zweckmäßig organisirt wird. An der Spitze der hiesigen Gemeinde steht ein Oberrabbiner, der zugleich Provinzialrabbiner ist. Derselbe ist ein Deutscher. Es haben überhaupt mehrere Provinzen der Niederlande deutsche Rabbinen, und zwar aus dem Grunde, um sich durch deutsche Bildung zu vervollkommnen. Fragt nur die holländischen Juden, welche deutsche Rabbinen haben, warum sie Rabbinen aus Deutschland berufen, da sie doch in ihrem Lande Candidaten genug haben, und Ihr werdet immer dieselbe Antwort erhalten. Die mährischen, die galizischen Juden sollten sich hieran ein Beispiel nehmen, denn Beide haben wirklich gebildete Rabbinen noch weit nöthiger, als ihre holländischen Glaubensgenossen. — Sämmtliche Rabbinen der Niederlande werden — nur mit Einwilligung der resp. Gemeinden — von der Regierung eingesetzt und beziehen — nutzer dem ihnen von ihren resp. Gemeinden bewilligten Gehalt — jährlich 600 Gulden aus der Staatskasse. Ihre Predigten, besser Vorträge, halten die aus Deutschland berufenen Rabbinen in deutscher Sprache. Die holländischen *) Aus Gründen habe» wir blos dem sehr geehrten Herrn Redacteur die Ursache hiervon angegeben. Israeliten sprechen neben ihrer Landessprache deutsch, wiewohl größtentheils in einem unleidlichen Jargon. Doch hat unter den hiesigen Israeliten, seitdem der Herr Oberrabbiner hier wirkt, die Kenntniß der deutschen Sprache im Verhältniß zur Zeit seines Hierseins bedeutend zugenommen. Der Herr Oberrabbiner hat schon oft und zwar in energischer, eindringlicher Rede auf der Kanzel gegen die so viel Unheil stiftenden frühen Heirathen, insbesondere der Unbemittelten, geeifert, ermahnt, daß, wie es EroduS Cap. 27, V. 10. heißt — um die a. a. O. stehenden Ausdrücke wörtlich wiederzugeben — erst an nvnw (Nahrungsunterhalt), dann an rimeo (Kleidung und Kleideraufwand , wenn sie wollen) und zuletzt erst an iiniy (Heirath) zu denken sei; die jungen Leute machten eS aber umgekehrt. — Hier, wie überall, atl moros natura rccurrit, wie Juvenal sagt. Was Kleiderlurus anbelangt, muß ich bemerken, daß hier — ich schließe die Aermeren nicht aus — möglichst viel Aufwand darin gemacht wird. Eine Dienstmagd, die kaum einige Gulden erübrigt hat, giebt solche in goldenen Fingerringen, goldenen Ohrgehängen und anderem Schmucke aus. Freilich sieht hier zu Lande — selbst an Werktagen — ein Frauenzimmer viel stattlicher als im Auslande. Die messingene oder silberne Kopfbedeckung, hell glänzend, darunter eine schneeweiße Mütze mit feinen Spitzen, und darüber nochmals hinten einen prächtigen Tüllstreifen, goldene Ohrbommeln, an der Stirn und beiden Schläfen eine messingene, goldene oder silberne blumenartige Verzierung. Kein weiblicher Dienstbote geht ohne einen solchen Schmuck aus. Und nun die knapp anliegende, reinliche, gut stehende Landestracht. Vielen steht das AlleS herrlicher als ihr Magen, der schief hängt. Es muß hier sehr hart kommen, wenn ein Armer seinen Schmuck verkauft. Die angeborene Nationalliebe für ein schönes, gefälliges Aeußere, wobei freilich oft genug Bizarres und Wunderliches mit unterläuft, duldet jenes nicht. — Da die jüdische Bevölkerung in den Niederlanden eine sehr gemischte ist, insbesondere da es in den Köpfen der größeren Masse noch sehr dumpf und düster aussieht, so können auch die holländischen Rabbinen durchschnittlich nicht eigentliche Predigten halten. Es sind vielmehr eregetisch-homiletische Vorträge, durch! welche sich der Faden sittlich-religiöser Mahnung hindurchschlingt. Die Vorträge des hiesigen Herrn Oberrabbinen, in sehr anmuthiger Manier gehalten, finden :

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