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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-12-07 · Heft 50 (7.12.1857) · p. Seite 680

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 50 (7.12.1857)
Date
1857-12-07
Page
Seite 680 (sequence 2)
Language
German
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680 mit dem feurigen, und Betrug und Fälschung schließen sich im Umsehen daran. Die Religion Mosis verwirft Borgen und Verborgen, außer in Nothfällen; im Gegentheil preist die neuere Zeit den Credit als den Sauerstoff des Weltverkehrs. Aber die menschliche Lunge wird vom bloßen Sauerstoff verzehrt, und dieser übermäßige Credit stellt das ganze gewerbliche Leben so in die Luft hinaus, daß es bei der ersten Bewegung, bei dem ersten Stoße krachend zusammenstürzt, und Zahllose unter den Trümmern begräbt. In der That ist der Credit nur ein Vorausverzehren der zukünftigen Arbeit und man sieht nicht ein, warum man nicht von der gegenwärtigen Arbeit solle leben können; man gewöhnt sich dadurch nur, gegenwärtige und zukünftige Arbeit auf einmal zu consumiren, und da muß dann das Destcit sich wie ein gähnender Schlund öffnen, der gar nicht wieder auszufüllen. — Wir gehören wahrlich nicht zu den Pesfimisten, aber wir wissen, daß nicht jede Entwickelung eine gesunde ist, daß immerfort Kraft, Anstrengung und Ziel in Einklang stehen müssen; die Hymnen über den ungeheuren Aufschwung der Industrie haben sich bald in Klagelieder verwandelt und die Glückwünsche über den sich immer weiter verbreitenden Segen desselben erwiesen sich als Weissagungen falscher Propheten. Lurus, Speculationswuth und übermäßiger Credit sind die Motive und Anzeichen eines tiefen Verfalls. Denn von der anderen Seite zähle man doch die Vortheile auf, welche das geistige Leben, das große Dreigestirn des geistigen Lebens, Religion, Wissenschaft und Kunst aus jenem gezogen hat? Es sei denn, daß ein außerordentliches Raffinement in Gegenständen der Ueppigkeit und Verzärtelung im Ausspintisiren ungewöhnlicher Geschäftscombinationen und im Ausklügeln von Creditsverlockungen eine Entfaltung des menschlichen Geistes genannt werden könne. Zm Gegentheil haben jene unglücklichen Leidenschaften die Religion, in welcher sie ihre ausdauerndste Gegnerin witterten, ganz zu beseitigen und Wissenschaft und Kunst zu ihren Mägden zu machen gesucht. Jnstinctmäßig hat man den gegenwärtigen Vorgang eine Krise genannt; Krise aber ist ein Kampf innerhalb eines Organismus Seitens seiner natürlichen Gesetze gegen krankhafte Zustände, gegen die krankhafte Erregung eines organischen Systems auf Kosten des Gesammtorganismus. Die guten Leute gestehen also selbst von vorn herein zu, daß der gepriesene Aufschwung der Industrie, das enorme Wachsthum des Weltverkehrs ein krankhafter Zustand war, eine krankhafte Erregung der oberen Schicht des gewerblichen Lebens auf Kosten des Gesammtorganismus der Menschheit. Schlimm genug, daß der Gesammtorganismus die Kosten für den Schwindel jener oberen Schicht des gewerblichen Lebens tragen muß. Eine Krise endet aber entweder mit der kräftigen Umwandlung jener krankhaften Zustände, oder läuft in ein schleichendes Fieber aus, das noch verderblicher wirkt und zu einer noch schrecklichern Krise führen muß. Wird nun das gegenwärtige Geschlecht die Kraft besitzen, in normaler Reaktion jene krankhafte Erregung zu erdrücken und das gewerbliche Leben und Alles, was damit zusammenhängt, in seine regelmäßige organische Thätigkeit zurückzuführen, oder wird es nur seinen Nachfolgern ein schleichendes Fieber vererben und die Schrecken einer noch größeren Krise in Aussicht stellen? Man hat gesagt, daß diese Finanzkrise einem Sturme gleiche, der nicht an allen Orten zu gleicher Zeit wüthet, sondern von Land zu Land sich wälzt und erst nach einander die Tour um die Welt macht. Der gewaltige Wellenschlag dieses Sturmes hat jetzt, nachdem er Amerika und England durchrast, die Küsten unsres theuren Vaterlandes erreicht, und es ist zu befürchten, da jetzt erst die unbezahlten Wechsel aus Amerika hierher znrückgelangen, daß er von den Küsten bis in das Innerste unsres schönen Binnenlandes dringen wird. Wir gestehen offen, daß, falls diese ungeheure Noth sich eben nur auf die Kreise der Spekulanten beschränkte, wir kein Mitgefühl für sie hegten, sondern ruhig das selbst beschworene Verhängniß über jene hereinbrechen sehen würden. Aber das Leben der menschlichen Gesellschaft ist ein organisches; es droht daher eine höchst umfangreiche Arbeitseinstellung, durch welche die zahlreiche Classe Der Arbeiterfamilien, die von Hand zu Mund leben, dem größten Elend preisgegeben würde, um so mehr, da auch für den noch beschäftigten Theil eine Herabsetzung der Arbeitslöhne die unausbleibliche Folge wäre. Rechnet man hierzu, daß trotz der gesunkenen Preise aller Rohstoffe und Lebensmittel im Großen sich dennoch eine Minderung der Theuerung im Detail nicht verspürbar macht, so ist die Aussicht eine gar schlimme. Der Fall der Reichen und die Noth der Armen drücken aber nicht minder auf die mittleren Classen, in denen wiederum durch den unerhört gestiegenen Lurus die Verhältnisse so wenig Solidität besitzen. Wie hoch übrigens auch in Deutschland der Schwindel gestiegen war, ersieht man aus der Höhe der Fallimente, welche gewiß in unsrem Vaterlande noch nie so groß gewesen, da einzelne Häuser Passiva von Millionen aufhäufen konnten!

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