Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 31 (27.7.1857)
- Date
- 1857-07-27
- Page
- Seite 422 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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422 niffe als unzulässig betrachten und den Einfluß des Dienstherrn auf die Bediensteten als gefährlich erklären sollte, so müßte man nothgedrungen noch einen näher liegenden Schritt und den protestantischen Familien das Halten katholischer Dienstleute verbieten. Denn hier ist die Scheidelinie weit weniger schroff, die politischen Unterschiede fallen nicht ins Auge und das Contagium der protestantischen Religionsanschauung ist weit mehr zu fürchten, als das der jüdischen. Wo aber würde man hingerathen, wenn die Verwendung der Arbeitskräfte plötzlich nach eonfessionellen Schematismen eingerichtet werden sollte, wenn der Jude keinen Christen, der Protestant keinen Katholiken, der Katholik keinen Protestanten u. s. w. in sein Haus nehmen dürfte, um die Kinder zu warten, die Speisen zu kochen, die Felder zu düngen u. s. w. Ein solches Chaos zu schaffen in einem geordneten Staate, Conflicte und Gehässigkeiten zu fördern, die bis in das Privat- und Familienleben sich erstrecken, dies ist sicherlich eine Tendenz, welche von den Staats- und Verwaltungsmännern Oesterreichs perhorreöcirt wird. Und darum sind wir der festen Ueberzeugung, daß jene — wie man behauptet, von dem Ortsgeistlichen zu Gebüsch angeregte — Maßregel in höherer Instanz redressirt und der betreffende Staatsbeamte die ihm gebührende Weisung erhalten wird. (Wir bemerken unsrerseits, daß nunmehr in dem Zeitraum eines Vierteljahres an drei verschiedenen Orten in Böhmen der Versuch gemacht worden, die mittelalterlichsten Ausnahmegesetze geltend zu machen; in Saaz wollte man die Juden verjagen, in Tachau ihre Grundstücke confisciren und in Leitmeritz ihre Dienstboten entfernen. Die Nothwendigkeit für alle Welt, aus dem Provisorium herauszukommen, kann sich nicht fühlbarer machen, als durch die immer wiederholten Plagen, welche bald hier bald da über die jüdischen Unterthanen des Kaiserstaates gebracht, und die sicher immer zahlreicher werden, wenn dem nicht mit Einem Male Einhalt geschieht. Uebrigens sollte man denken, daß man vernünftiger Weise unter einem „Provisorium" auch nur die Sache wie sie steht und liegt verstehen kann, nicht aber daö Hervorholen von seit langer Zeit außer Gebrauch und Geltung gekommenen, allen Verhältnissen der Jetztzeit Hohn sprechenden Verhältnissen des Mittelalters. Die Erfahrung lehrt, daß noch niemals ein christlicher Dienst, bote durch seine jüdische Herrschaft zum Abfall von seiner Religion verleitet worden ist, und daß gerade die jüdische Herrschaft dem christlichen Dienstboten gegenüber stets darauf hält, daß dieser den Satzungen seiner Kirche Folge leistet. Redact. d. Allg. Zeit, d. Judenth.) Wien, 2. Juli. (Ostd. Post.) Am 30. Juni wurde auf dem israelitischen Friedhofe der Leichnam Joseph Fi sch Hofs, der am 28. Juni in Baden nach längerem Leiden in seinem 53. Lebensjahre verschieden ist, zur Ruhe bestattet. Fischhof hatte stch ursprünglich dem Studium der Medicin gewidmet und dasselbe bereits vollendet. Sein vorwiegendes Talent für die Musik bestimmte ihn aber, sich ausschließlich mit dieser zu beschäftigen. Der Verewigte war einer der tüchtigsten Förderer classischer Musik in Wien, einer der hervorragendsten Kenner ihrer Geschichte in Deutschland. Zu einer Zeit, als das Virtuosenthum sich überall breitmachte, trug er durch Unterricht und Anregung viel dazu bei, einen edleren Geschmack, eine bessere Richtung aufrecht zu erhalten. Sein Vortrag classischer Tonwerke auf dem Clavier war von musterhafter Klarheit und Vollendung und in der Reproduktion der Meisterwerke I. S. Bach's steht er vielleicht unerreicht da. Ein hervorragendes Verdienst erwarb er sich durch Vereinigung tüchtiger Dilettantenkräfte, mit denen er durch eine längere Reihe von Jahren die wunderbarsten Schöpfungen Bach's und der altitalienischen Schule, die zu jener Zeit fast für alle musikalischen Kreise Wiens noch ein Buch mit sieben Siegeln waren, einstudirte und in meisterhafter Weise zur Aufführung brachte. Viele Jahre hindurch wirkte er als Professor deö ClavierspielS am hiesigen Confervatorium, und als eS in neuerer Zeit neu organisirt wurde, war er Mitglied feiner Direktion. Aus beiden Stellungen ist er indeß schon seit 1855 geschieden. Seine im höchsten Grade achtbaren Eigenschaften als Privatmann, als Sohn und Gatte gehören nicht vor das Forum der Oeffentlichkeit. Großbritannien. London, im Juni., Der Jewish Chronicle bringt einige Notizen zur Statistik der britischen Israeliten, die um so dankenSwerther, da in England eine Volkszählung nach Confessionen nicht stattfindet. Auf 35 Gemeinden in den Provinzen kommen 205 Geburten, wovon 111 Knaben und 94 Mädchen, 112 Sterbe-