Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 25 (15.6.1857)
- Date
- 1857-06-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226039-3226065--16167-3245006- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
JVf 25 8i. Jahrgang. Allgemeine Zeitung des Zudcnthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philipps»« in Magdeburg. Leipzig, den 1b. Juni 1857. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal, Montags, und wird jährlich 78 Bogen in Quart incl. des Titels. Registers u. s. w. um. fassen. In Gemäßheit des Zweckes, derselben die allgemeinste Verbreitung zu geben, ist der Preis äußerst niedrig: mit 3 Thlr. für den Jahrgang; — 1 Thlr. 15 Ngr. (1 Thlr. 12 gGr.) für sechs Monate — 22'/r Ngr. (18 gGr.) für das Vierteljahr angesetzt worden. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeituugs - Expeditionen nehmen Bestellungen an; der Hauptspedition für beide Letztere hat sich die königl. sächs. Zertungs - Expedition allhier unterzogen. Inhalt. Leitende Artikel: Die Seelsorge in den größeren Gemeinden! — Lord Palmerston und die Kreuzzeitung in Preußen. — Literarischer Wochenbericht. ZeitungsnachrichtenrD eutschland: Hamburg,Butzbach. Preußen: Magdeburg, Berlin. Nordamerika: Charleston. Frankreich: Paris. Leitende Artikel. Magdeburg, 8. Juni. Dir Seelsorge in den größeren Gemeinden! Der außerordentliche Andrang der Bevölkerung nach den großen Hauptstädten der Länder, eine besondere Eigenthümlichkeit der neueren Zeit, welcher die europäischen Residenzen zu einer riesenhaften Ausdehnung gebracht, einer Ausdehnung, die noch lange nicht ihr Ziel erreicht hat, hat auch so große israelitische Gemeinden geschaffen, wie deren im Mittelalter nur einige wenige vorhanden gewesen. Innerhalb 60 Jahren ist in Paris die Gemeinde aus circa 10 Familien zu 22,000 Seelen herangewachsen, in Wien binnen 10 Jahren von 1000 zum 20fachen Betrage, in Berlin hat sie sich fast vervierfacht, so auch in Pesth u. s. w. Dieses schnelle Wachsthum läßt natürlich die seelsorgerischen Mittel der Gemeinde weit hinter dem Bedürfniß zurück, und es ist daher desto drängender, die Verwaltungsbehörden dieser Gemeinden aufs Kräftigste darauf aufmerksam zu machen, je leichter sich der moderne Mensch dem religiösen Bedürfniß entschla'gt, wenn er ihm nur auf unbequeme und kostspielige Weise genügen kann. Schwerer ist es aber, dieses Bedürfniß wieder zu wecken, wo es einmal eingeschlummert. Es zeigt sich hier nun ein umgekehrtes Verhältniß, als im Mittelalter. Für nichts sorgten die Gemeinden in dieser Zeit mehr, als für schnelle und zahlreiche Besetzung der Rabbinatsstühle, ja in selbst Mittlern Gemeinden fanden sich vollständige Rabbinatscollegien, trotzdem das rabbinische Wissen in den Gemeinden selbst zahlreiche Träger hatte. Während dessen hatten die mittelalterlichen Gemeinden nur verhältnißmäßig kleine und wenige Synagogen, was durch die zahllosen Minjanim erklärlich ist. Umgekehrt sorgen die Gemeinden jetzt zuerst für Synagogen, groß, schön und reich geschmückt, während sie das geistliche Amt aufs Kärglichste bedenken. Je mehr allerdings unsre Zeit an den Gottesdienst die Forderung der Weihe, Majestät und großartigen Mittel stellt, und die Beiwohnung des Gottesdienstes weniger als ein Act der Verpflichtung, denn persönlicher Befriedigung angesehen wird; desto weniger können Minjanim bestehen, desto mehr drängt sich die Menge, wenigstens an den hohen Festtagen, nach den Hauptsynagogen. Cs ist daher nur zu verwundern, daß Paris jetzt erst den Bau zweier neuen Synagogen neben den beiden bisherigen, von denen die eine nicht sehr groß, die andere nur klein, projectirt, Berlin eine zweite sehr große bauen will, Wien, Pesth und Hamburg eine zweite bauen. Bei der ungeheuren