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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-04-20 · Heft 17 (20.4.1857) · p. Seite 220

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 17 (20.4.1857)
Date
1857-04-20
Page
Seite 220 (sequence 2)
Language
German
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220 seines Lebens vom Ufer des NilS bis über der ganzen Erde Säume, die schlugen zum ersten Male, als Israel aus Aegypten an das Licht der Welt trat, und.die noch heute lebendig durchströmt werden; die Wahrheit ihre Sonne, das Recht ihre Erde, die Liebe ihre Himmels» ruft! . natt — Wahrheit! Was ist Wahrheit? fragen wir. Da waren und sind genug, die sagen: es giebt keine Wahrheit. Jeder Einzelne behauptet die Wahrheit zu haben, und nun der immerfortige Streit Aller über diese Wahrheit. Alles, sagen sie, beruht aus der Wahrnehmung des Einzelnen, ist also eben so gut Täuschung als Wahrheit. Welch' ein Wahn! Giebt eS nicht auch Einverständniß der Einzelnen? Ja, daß eS Wahrheit giebt, bezeuget die Sehnsucht in unserm Herzen, denn ein Nichts kann man nicht ersehnen; bezeuget der Zweifel in unserm Verstände, denn Zweifel heißt, daß wir noch nicht als wahr erkennen, was wahr erscheint; bezeuget das Streben nach Wahrheit, das nimmer rastende, in jedem Einzelnen, in der ganzen Menschheit. Wahrheit ist, was wirklich ist und wie es ist. All das unendliche Sein, das ist, ist Wahrheit. Beweiset, daß Nichts ist, dann ist auch Wahrheit nicht. Aber Ihr denket, so muffet Ihr ja sein. Weil aber alles Sein unendlich ist, ist die ganze Wahrheit nur Gottes, allein Gottes, durch dessen Gedanken und Willen all das Unendliche geworden ist, durch dessen Willen es immerfort ist, indem in Allem sein Wille gegenwärtig ist. Darum sagen unsere Weisen: „die Wahrheit ist das Siegel Gottes!" Denn wahr ist, was wirklich ist, und das ist durch Gott, also gleichsam durch ihn besiegelt, und darum die ganze Wahrheit Gottes allein, wie ein Siegel nur dessen ist, der es führt. Aber da der Mensch von Gottes Geiste, in seinem Ebenbilde, mit Selbstbewußtst!« und freiem Willen, so muß auch die Wahrheit für den Menschen sein. Wen» die ganze Wahrheit nur Gottes ist, so ist die Wahrheit für den Menschen das, was dem ganzen Menschen wahr ist. Nämlich: der Mensch denkt; er denkt, indem er wahrnimmt, Vorstellung erhält, urtheilt und schließt. Der Mensch fühlt aber auch, indem aus den uncrforschlichen Tiefen seines Geistes bei jeder Berührung und Wahrnehmung von außen die Empfindung heraufquillt und unmittelbar seine Seele durchströmt. Der Mensch knüpft aber auch an den flüchtigen Moment seiner Gegenwart seine ganze Vergangenheit, seine Art zu denken n»d fühlen ist ihm aus seiner Vergangenheit vom Erwachen seines Bewußtseins an geworden; und nicht aus seiner allein; beim Menschen überliefert Geschlecht auf Geschlecht, lehrt und bildet Zeitalter auf Zeitalter; darum steht jeder Einzelne auf der Vergangenheit aller früheren Geschlechter, daS ist auf der Geschichte der Menschheit. Sehet, dies ist der ganze Mensch: sein Denken, sein Fühlen und seine Geschichte zusammen genommen. Wahrheit für den Menschen ist daher, nicht waS seine Vernunft einseitig denkt, nicht was sein Herz einseitig empfindet, nicht was seine Geschichte einseitig seinem Glauben übergiebt — Wahrheit für den Menschen ist, nicht worüber sein Herz mit seiner Vernunft streitet, nicht worüber seine Vernunft mit seiner Geschichte streitet, und sobald sie darüber streiten — Wahrheit für den Menschen ist daS, worüber seine Vernunft, sein Herz und seine Geschichte einig find, was gleichmäßig allen dreien Faktoren seines Geistes wahr erscheint, worin sie zur Harmonie, zum Einklang, zum Einverständniß, zum Frieden gekommen — das allein ist Wahrheit für den Menschen! Und sehet, dies gerade ist die israelitische Wahrheit, dies die Wahrheit, welche die Religion Israels lehrt, von ihrem Bekenner erkannt fordert, welche sie der Menschheit übergiebt, welche sie Allen gegenüber vertheidigt, die etwas Anderes als Wahrheit ausgebcn. „So erkenne" nrrn mit Deinem Verstände, ruft sie uns ju, rtaiani *jaab bx und „fühle es durch mit Deinem Herzen" bsiai “pob m isjn tra'b d» und „frage die vergangenen Tage, die vor Dir waren" (5 Mos. 4, 39. 32.). Diese drei Stimmen laß sprechen, laut ertönen in Deinem Innern, und worin sie zusammentreffen, das ist die Wahrheit Gottes, wie weit der Mensch sie zu fassen vermag, und die er Dir eröffnet und übergeben in Seiner Gnade. Alles Andere aber ist nicht die Wahrheit. So Dir Dein zersetzender, grübelnder Verstand mit seinen Sophismen Deine Ueberzeugung entwurzeln will; oder so Dir Dein irre geleitetes, zerwühltes Herz mit seiner Leidenschaft Deine Einsicht verblenden will; oder so Dir Deine verführte, durch mystische Bilder vergiftete Phantasie Deine klare Anschauung verschleiern will; oder so Dir irgend ein überlieferter Glaube Verstand und Herz verdächtigen, ausschließe», erdrücken will — keinem von ihnen übergieb die Herrschaft deS Geistes, sie sind unwahr: die Lehre Deines Gottes tritt Dir entgegen und sagt Dir: siehe, laß das Licht Deines Verstandes und daS Feuer Deines Herzens auf dieS fallen, was vom Sinai her die Jahrtausende Deiner Religion Geschlecht auf Geschlecht überlieferten, und Du wirst

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