Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 20 (1856)
- Issue
- Heft 34 (18.8.1856)
- Date
- 1856-08-18
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Beilage zur Allgem. Zeitung des Judenthüms Nr. 34, O f f * u e r K r i e f an . /; . . . . Herrn H. Zirndorf in Wien von ' Dr. Scut&Sfierger, Sfarftöiner Ut $rubergemeittbe ju Sofern Geehrter Herr! In Nr. 31 dieser Zeitung statten Sie, den ich persönlich 'zu kennen nicht die Ehre habe, einen, im Ganzen, für mich so schmeichelhaften Bericht über meine, am Sabbath Sch'mini im israel. Tempel zu Wien gehaltene Predigt ab, daß ich Ihnen zum wärmsten Danke verpflichret wäre, wenn Sie nicht im Anfänge und gegen das Ende desselben Verdächtigungen aussprächen, deren Grundlosigkeit ich um meines Rufes willen nothwendig-hier Nachweisen muß. Sie beginnen nehmlich: „Am 29. März betrat Herr Dr. Landsberger, Prediger der Refor mgenossensch aft zu Posen, die Kanzel." — Mit welchem Rechte aber legen Sie meiner Gemeinde, die nur als Brüdergemeinde bekannt ist, den Namen: Refor m g e n o fse n sch a ft bei? Seitdem die Berliner Reformgenossenschäft entstanden, pflegt man unter dieser Bezeichnung nur solche Gemeinden zu verstehen, die sich zu gleichen oder ähnlichen Grundsätzen bekennen, d. h. welche die traditionellen Gebote nicht mehr für verpflichtend halten. Ist dies aber bei meiner Gemeinde der Fall? Wir stehen mit der Wiener Gemeinde in reformatorischer Beziehung auf ziemlich gleichem Niveau, ja, nach mancher Seite hin müssen wir noch vorschreiten, um dieses Niveau zu erreichen. Unsere Reformen beschränken sich lediglich auf deutsche Predigt, Chorgesang, Ruhe, Ordnung, auf Ausscheidung mehrer Pijutim, des ,r>-,vpn viwv mp' Ipms u. f. w., einige deutsche, vom Rabbiner zu sprechende Gebete für Wöchnerinnen, bei Todtenfeier u. s. st, kurz auf Einrichtungen, wie sie jetzt fast in den meisten Synagogen Deutschlands anzutreffen und mit dem Schulchan- Aruch in der Hand zu rechtfertigen sind. An das Kol Nidre, das in Wien bereits seit einigen Jahren verbannt ist, haben wir sogar nicht Hand anzulegen gewagt und selbst die Einführung der Orgel für unfern neuen, im Bau befindlichen großen Tempel nicht projektirt, obwol eine solche in den Synagogen vieler Gemeinden seit Jahren ihre Töne vernehmen läßt und die orthodoren Großrabbiner Frankreichs beschlossen haben, ihr in den dortigen Tempeln eine Starte zu gründen. Oder nennen Sie die Brüdergemeinde deßhalb eine Rformgenoffenschaft, weil sie sich, Ihres Dafürhaltens, von der hiesigen Hauptgemeinde getrennt hat? O, auch hierin wären Sie im Jrrthüm! denn hier eristirt in cultueller Beziehung gar keine Hauptgemeinde, sondern nur ein Vorstand, der sich blos die Vertretung der Gesammtgemeinde nach Außen, die Verwaltung der Gemeindegüter und die Tilgung der noch bedeutenden Gemeindeschulden, die in den traurigen Zeiten des" Mittelalters entstanden, zur Aufgabe gemacht. Nur zwei Dajanim werden aus der Gemeindekaffe besoldet; die eigentlichen Cultusangelegenheiten hingegen den einzelnen Gemeindemitgliedern überlassen: 1 So kommt es denn auch, daß hier acht Cultüs-Verbände friedlich neben einander bestehen, von denen jeder durch einen besondern Vorstand geleitet wird und seine besondern Cultusbeamten besoldet. Wie kommt Ihnen, mein Herr, demnach, frage ich nochmals, in den Sinn, mich den Prediger der Posener Reformgenossenschaft zu nennen? Doch noch mehr, als mit dieser Bezeichnung verdächtigen Sie mich dadurch, daß Sie zwei Stellen meiner Predigt verdrehen und mir geradezu das Gegentheil von dem in den Mund legen, was ich auf der Wiener Kanzel gesprochen/ Ich sagte nehmlich in der letzten Hälfte des 3. Theiles meiner Predigt:! \ : „Aber nicht nur ivv» F e st e s> sondern auch „Greifbares muß die Flamme unsres Glaubens aus- „zeichnen, mit andern Worten: Körperliches m u ß Dei- „nem Glauben eigen sein/' ihn Dir versinnlichen. Was „aber dieses Greifbaredieses Körperliche ist? Nun, „das sind die Symbole und Ceremonien, die Sinnbilder „und Bräuche, die unsre Religionwie jede andre, zur „Veranschaulichung von Religionswahrheiten, zur Erinnerung an geschichtliche Thaten oder natürliche Er- „eignisse eingesetzt und geheiligt hat. Diese Sinnbilder „und Bräuche find gewissermaßen die äußere Schale, „das Gewand, das den geistigen Inhalt der Religion „umhüllt und ihr eine bestimmte Form und Gestalt „verleiht. Dieses Gewand unsres Glaubens erfährt „jedoch in unsrer Zeit das Schicksal jenes Mantels, „von dem uns eine Vielen von Euch gewiß bekannte „Fabel erzählt." Nachdem die Fabel vom Streite des Windes und der Sonne nun erzählt war, verglich ich, wie Sie selbst citiren, Israel mit dem Wandersmann, die mittelalterlichen stürmischen Zeiten der Verfolgung mit dem Winde, der trotz seiner Gewalt unsren Vätern die Hülle des Glaubens nicht abziehen konnte, während den, von den Strahlen der Menschenfreundlichkeit erwärmten Kindern und Enkeln jener Väter der Mantel gar zu schwer wird, so daß sie ihn mehr und mehr lüften, ja, hie und da ganz abstreifen. Habe ich aber wie Sie, mein Herr, behaupten wollen, „meine Anschauung" in jene Fabel gekleidet, oder nicht vielmehr damit nur den religiösen Zustand des gegenwärtigen Israel characterifirt, nicht vielmehr nur ein Factum erzählt, das uns in Wien und allerorten von Tag zu Tag mehr vor Augen i tritt, wenn Sie auch in langen Tiraden vorgeben, Israel wolle keinen einzigen seiner Minhagim fahren lassen? Ich muß darum auch