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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1854-12-25 · Heft 52 (25.12.1854) · p. Seite 652

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
18 (1854)
Issue
Heft 52 (25.12.1854)
Date
1854-12-25
Page
Seite 652 (sequence 2)
Language
German
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652 gion gänzlich ignorirt, in solche beschränkte Auffassungen zu verfallen. Die Religion Israels beginnt mit dem Ausspruch Gottes an Abraham: trnn ^t>V „Wandte vpr mst und sei vollkoylmep" (j. Buch MosiS 17, 1). Und ebenso lautet der Zuruf an Israel selbst: "pübN 'n D5> rPSrn d“'7:n „Vollkommen sei mit dem Ewigen, deinem Gotte" (5. B. M. 18, 13). Die Religion Israels setzt als das höchste Princip der Sittlichkeit: „Werdet heilig," oder „Heiliget euch, denn ich der Ewige, euer Gott, bin heilig." Wer kann in allem diesen, was hier auszuführen der Raum zu eng, die Spur eines niedern Abhängigkeitsgefühls, Schaden zu verhüten oder Lohn zu erwerben, finden? Es wird hier vielmehr das Gesetz der Entwickelung als der wesentliche Inhalt der Menschennatur festgestellt) es wird hier die Erhebung des Menschen über die Stufe der sinnlichen Leidenschaften und ihrer unbedingten Herrschaft in allmäliger Entwickelung zum Zweck des menschlichen Strebens gemacht. Es wird hier Her Mensch als das große Mittelglied zwischen den willen- und bewußtlosen Naturwesen und dem vollkommen selbstständigen, selbstbewußten und selbstbeherrschenden Gott erkannt und behandelt, so daß der Mensch auch das höhere Abhängigkeitsgefühl in fich trägt, theilweise einer höhern Welt anzugehören, der zuzustreben sein innerstes Verlangen ist und seine seligste Befriedigung schafft. Vergebens ruft da Feuerbach: „Das ist idealistisch!" Dieser Idealismus ist in allen Menschen, die über die Befriedigung der niedern Bedürfnisse hinausgekommen, vorhanden, und sie empfinden darin ihr eigentlichstes Dasein — er ist also eben so real wie Hunger und Durst, und Feuerbach selbst, indem er das Wesen des Glaubens untersucht, huldigt diesem Idealismus, wenn er ihn auch verleugnet. Wir können heute auf diesen Gegenstand, der uns nur zur Einleitung dienen sollte, nicht näher eingehen — aber nur noch einen Blick puf die wenigen, aber in-- Haltsreichen Worte an Abraham: „Wandte vor mir und werde vollkommen." Welche tiefe Offenbarung, und dabei in so naiver Weise! Wie daS Kind vor dem Vaser dahingeht, wenn sie die Flur beschreiten, frei und selbstständig, aber immer wieder zurückschauend quf den Vater, um dem Blick und dem Gang desselben abzusehen, wohin die Richtung gehen solle — also auch der Mensch vor Gyttz keine strenge Nachfolge auf Schritt und Tritt, keine fesselnde Begleitung und Leitung an der Hand — und werde vollkommen, entfalte deine edle, höhere Natur^ wie die Flügel deS Schmetterlings au.s der harter; Schaäle der'Puppe, entwickele dich zur Selbstbeherrschung, zum Herrn deiner selbst zur Befriedigung des höhern Verlangens) das dz; bewußt und unbewußt an dich selbst stellst, zur Kräftigung aller Heiner geistigen Vermögen über hie sie fesseln und vereinseitigen wollenden Leidenschaften. Feuerbach wird sagen: „das ist phantastisch!" Aber was in den Herzen aller Menschen klopft, was allein den Menschen zu einem kräftigen, Willensstärken Wesen macht, was ihn vor körperlicher und geistiger Selbstzerrüttung bewahrt, was ihm sein Leben wahrhaft verschönert, daß ihn dasselbe nicht durch Leoxe des, Inhalts und den Schmutz der Erscheinung anekle — das ist nicht phantastisch, sondern eine Wirklichkeit, auf die das ganze Wesen des Menschen gestellt ist. Es ist in der That merkwürdig, wie gerade die brutalsten Realisten daß Reale am meisten verkennen und es wegleugnen, weil es nicht in ihren Kram paßt, obgleich sie doch schon daran, daß sie es mit Hand und Fuß bekämpfen und hoch nicht zu besiegen vermögen, wohl merken sollten, daß es eine außerordentliche Realität ist!- Ja, der Beruf des Judenthums ist ein zwiefacher, und es hat diesen Beruf während seiner vier Jahrtausende in so außerordentlicher Weise erfüllt, daß es eben noch heute stin Haupt emporhebt, und alle anderen religiösen Erscheinungen als von ihm ausgegangen oder von ihm fern überschauet. Dieser erste Beruf ist: jedem Einzelnen seiner Bekenner das religiöse Bedürfniß in vollkommenster Weise zu befriedigen. Allerdings ist es zunächst die Gottesfurcht, welche das Judenthum einzusiößen strebt, denn „Gottesfurcht ist aller Weisheit Anfang." Es lehret seinen Bekenner die göttliche Vergeltung und die göttliche Vorsehung. Aber wenn es einerseits die Folgen unserer Handlungen für uns, unsere Kinder und Enkel eintreten läßt, so prägt es uns ein, daß es andererseits ein noch viel Höheres giebt, nämlich die Versöhnung unserer Seele vor Gytt. die Ausloschung unserer Schuldhaftigkeit vor Gott, die Heiligung unseres Geistes und Erhöhung zu Gott. Das Judenthum lehrt uns diesen einig einzigen Gott als Schöpfer der Welt, als Ursache alles Daseins, des allgemeinen wie des besonderen in feiner ganzen Unendlichkeit kennen, eine Gotteslehre, wie sie den Forschungen unserer Vernunft in Natur und Geschichte, den Ahnungen und Gefühlen unseres Herzens und den Ueberlieferungen unseres Stammes entspricht. Das Judenthum lehrt unS die Unmittelbarkeit dieses Gottes zum Menschen, die Ebenbildlichkeit des Menschen zu Gott, die Bestimmung deS

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