Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1854)
- Date
- 1854-12-18
- Page
- Seite 640 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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640 wiederholt auf den wahren Zustand der Dinge aufmerksam zu machen, auf däH/das Herz unseM GlaubenW-. noffen damit vertraut sei. DenmMöiA einmal sei es' gesagt : -insterhalb der DefchränkungW, Oie im JsthrMZM für uns bestanden, lebte noch der frische Muth, daß die allmalige Entwickelung nach und nach überall die Verbesserung unseres Geschickes eintreten lassen werde; diese Hoffnung ist jetzt auf lange geknickt,!und'-dies astrein größerer Verlust, als alle anderen. Aus diesem Grunde mag beim nahen Schluffe des bürgerlichen Jahres ein Blick auf die. politische /Stellung - der Juden am Platze sein: doch fehlt es hierzu auch nicht an einer factischen Veranlassung. Wir haben hier von Nordamerika, Frankreich, Belgien, Holland und Dänemark nichts zu vermelden, ja, wenn es-in den letzten Jahren schien, als ob in Frankreich der ultramöntane Geist, mit solcher'Energie durchdränge, daß die Gleichberechtigung der Juden, wenn auch nicht gesetzlich, doch factisch alterirt werden würde, so zeigte das verflossene Jahr, daß diese Befürchtung eitel gewesen, und die bedeutende Kraft, welche jetzt Frankreich beherrschtauch jenem ultramontanen Geiste ein ,/bis hieher und nicht weiter" zuzurufen vermochte. Auch aus Dänemark kamen, uns die willkommenen Zusicherungen, daß die jetzt dort stattfindenden Bewegungen die Gleichberechtigung der Juden bis jetzt nicht bedrohten. In England steht bekanntlich eine alte Eidesformel den Juden entgegen, sie vom Parlament und den höheren Staatsstellen fernzuhalten. Im Anfang dieses Jahres geschah unter den vielen Versuchen, diese Formel zu. beseitigen, von Lord John Ruffel der plumpeste, so daß selbst die Majorität des Unterhauses, welche immer dafür gewesen, sich dagegen erklärte. Doch gerade in England ist die Fortentwickelung eine ununterbrochene und. stetige, weshalb wir dort ein volles Vertrauen auf die Zukunft Haben können. . In Italien dagegen sind die Bekenner des^Judenthums in allen Staaten dieser schönen Halbinsel -i— mit Ausnahme des Königreichs Sardinien, wo selbst ein Israelit .in der Deputirtenkammer seinen Sitz hat —unter die Herrschaft der mittelalterlichsten Beschränkungen zurückgefallen.. Haben wir doch aus dem Kirchenstaate in jüngster Zeit Beispiele zu berichten gehabt, daß nicht blos bei Leichen, sondern .auch bei jüdischen Kindern nach-einer willkürlich und hinterlistig von.einer Küchenmagd vollzogenen Taufe diese geltend gemacht und Leichen und Kinder den prytestirenden Eltern sortgenommen wurden. . j Im österreichischen Kaiserstaat wurden die bis zum Jahre-1848 ^Mtigen Judenge^etze wieder rechtskräftig erklärt^Ms^Eneues Gesetz erflosse'n wäre. Die'allgemeine SehnsMkvtzeE dahin^ daß-- dieses PrötzisöriüM b^ldIu Ende komme, da nicht 'stur die Juden dadurch aller staatsbürgerlichen Rechte enthoben sind, sondern einerseits ein völlig unklares Verhältniß herrscht, andrerseits an einzelnen Localimten sehr lästige-Plagen möglich find. — In Preußen hat zwar die zweite Kammer wiederholt beschränkende' 'Gesetzesvorlagen abgewiesen und die bekannte For-?me5r von der Nichtabhängigkeit der staatsbürgerlichen Rechte vom Glaubensbekenntniß steht immer noch in der Verfasfungsurkunde.;. nichts desto weniger find alle früher« beschränkenden Bestimmungen zur Ausführung gebracht,, und .insonders auch,nachdrücklich alle Staats- und Lehrämter - unfern Glaubensgenossen versagt worden. Daß von den wiederversammelten Kammern die Streichung der eben berührten Formel verlangt-werden solle, wurde von den öffentlichen Blättern verkündet, und daß sie erlangt werden würde, .vorausgesetzt. Das Einzige, was wir dadurch noch verlieren würden, wäre das active und passive Wahlrecht -in die zweite Kammer! — 'Dieses letztere Recht besitzen die Juden auch noch in Baiern, obgleich das Matrikelwesen und viele'andere Ausnahmegesetze streng aufrecht erhalten werden; der eben versammelten zweiten Kammer hat das,Ministerium ein neues Wahlgesetz vorgelegt, welches den Juden jenes Recht wieder abspricht. Von den zwei jüdischen Deputirtcn würde einer in die desfallfige Commission gewählt, so daß es den Anschein hat, als ob der gedachte Entwurf nicht angenommen werden würde. — Von den übrigen deulschen Staaten haben einige, wie Sachsen, Hannover u. f. w. die freiere Richtung nicht verlassen, ohne daß aber factisch unsre Glaubensgenossen geradezu begünstigt wären; andere sind auf die alte Gesetzesstufe zurückgegangen, wie Mecklenburg; Kurhessen hat die Juden sogar aus den städtischen Gemeinderäthen entfernt; von Württemberg werden wir noch weiter unten sprechen. In Schweden sind einige gesetzgeberische Schritte gethan, um ihre Niederlassung außerhalb Stockholms und Gothenburgs zu ermöglichen, ohne sie aber den übrigen beschränkenden Bestimmungen zu entheben. — In Rußland soll e n' kü Folge der Kriegsereigniffe einige Erleichterungeneingetreten sein. t—1 Daß manin Hen türkischen Staaten damit umgeht, den Rajahs -eine bessere Stellung zu verleihen, mnd baß die Juden hiervon nicht ausgeschlossen.werden sollen, ist von den türkischen Staatsbehörden selbst wiederholt ausgesprochen worden.