Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1854)
- Date
- 1854-11-27
- Page
- Seite 609 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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609 Ich nahm diesen Ruf um so mehr an, als der bekannte Prediger Mannheimer in Wien mich in einem Briefwechsel überzeugte, daß für unsre Glaubensgenossen in Rußland viel zu thun sei, da diese allein hinter der Civilssation der Zeit zurückgeblieben seien. Dieser Kreis der Thätigkeit in einem so weiten Reiche schmeichelte meiner jugendlichen Eitelkeit, und die besten Erfolge von meiner aufrichtigen Bemühung abhängig glaubend, Millionen Juden zu einem höhern Standpunkte zu erheben, erbat ich von dem russischen Gesandten in München meine Pässe. Durch wissenschaftliche Berührungen war ich mit dem Gesandtschaftsrath Grafen Maltiz bekannt, und er versprach mir, mir ein Empfehlungsschreiben an den Minister des öffentlichen Unterrichts, Grafen Uwaroff in St. Petersburg zu verschaffen. Ich erhielt es nebst zwei andern Briefen des bayerschen Ministers, Fürst Wallerstein, und schied mit leichtem Herzen von meiner theuern Heimath in die weite, freundlose Fremde., Ich nahm die Resse über Magdeburg, den Dr. Philipp son zu sehen, an den meine Reisegelder von Riga gesandt worden waren, kam nach Hamburg, wo ich die persönliche Bekanntschaft des Chacham Bernays und der Prediger DD. Salomon und Kley machte, und reiste nach Lübeck, wo der russische Dampfer Kamtschatka mich an Bord nahm. Einige hohe russische Beamte waren in unsrer Gesellschaft, und sie waren mit allen Fremden auf freundschaftlichem Fuße, bis wir Rewal, die erste russische Festung, passirt waren. Dann fühlten sie sich sofort über uns erhaben, sie wurden kalt und hochfahrend, und die freundliche Behandlung war mit einem Male gewichen. Mittwoch Nachmittag um 3 Uhr kamen wir in Kronstadt an; kaum hatte der Dampfer Anker geworfen, als eine Menge Zoll- und Polizeibeamte in das Schiff sich ergoß. Unser Gepäck ward ergriffen, unter Siegel gelegt, um in Petersburg untersucht zu werden, während wir Fremden von einem Polizeibeamten geprüft wurden, der unsre Passe an sich nahm, die wir in Petersburg im Fremdenbureau wiedersinden sollten. Wir verließen den Dampfer, und kamen in ein kleines Dampfboot, welches uns auf dem schönen Strome der Newa nach der Hauptstadt brachte. Diese Fahrt von einer und einer halben Stunde bot die majestätischesten Ansichten dar, welche ich je gesehen. An beiden Seiten des Stromes die herrliche kaiserliche Sommerresidenz Peterhof und in der Ferne die vergoldeten Dome und Kuppeln der griechischen Kirchen, widerstrahlend in dem letzten Schein der untergehenden Sonne. Je näher wir kamen, desto mehr Paläste von großer Schönheit wurden sichtbar, bis an der linken Seite der HandelStheil der Stadt, Wassily-Ostroff, mit der prachtvollen Börse, der glanzenden Akademie der Künste, und auf der rechten Seite der Kay, wo die fremden Gesandten wohnen, und mit reichen griechischen Säulen geschmückte Paläste das Ufer begrenzen. Wir fuhren nach dem Zollhause, und mit Silberrubeln in den Händen, bekamen wir all unsre Bagage frei. Ich hielt an in einem deutschen Hotel an der NewSky- Perfpective, der schönsten Straße von Petersburg, und fuhr am nächsten Morgen zum bayerschen Gesandten, Graf Lerchenfeld, mein Empfehlungsschreiben abzugeben. Er verhieß mir, mich selbst beim Minister des öffentlichen Unterrichts einzuführen, der aber erst in sechs Wochen von Warschau zurückkehren würde. Diese Benachrichtigung dämpfte meine jugendliche Ungeduld ein wenig, da sch in Absicht gehabt, sofort an daS große Werk der Civilisirung der russischen Juden zu gehen, in meiner Unerfahrenheit voraussetzend, daß daS lobenSwerthe Unternehmen gänzlich von meiner Thätigkeit abhange. Jndeß beschloß ich, den besten Gebrauch von meiner unerwarteten Muße zu machen, wichtige Bekanntschaften mir zu verschaffen und die Sachlage kennen zu lernen. Aber ich fühlte mich hungrig; jedoch wissend, daß es Juden nicht erlaubt ist, in Petersburg zu leben, wußte ich nicht, wo ich ein Koscher-Mittagbrod erhalten sollte. Ich begegnete vielen getauften Juden, da deren in Petersburg und Moskau eine große Zahl sind; sie suchten meine Gesellschaft, da sie stets glücklich sind, einen Juden zu finden, dem sie ihre Unzufriedenheit, Gewissensbisse und Reue über ihren Abfall mittheilen können; sie luden mich zum Thee ein, aber ihre Einladung zum Diner wollte ich nicht annehmen, und so fing ich an, mich sehr unbehaglich in der unermeßlichen Hauptstadt zu fühlen. Zuletzt kam Herr T. aus Riga, ein Mitglied meiner Gemeinde, und brachte mich zu einem jüdischen Soldaten, wo ich ein koscher Mittagbrod finden sollte. Ein junger Mann, von wunderschönem männlichen Aussehen, sechs Fuß hoch, geschmückt mit einem ungeheuren Schnurrbart und der goldenen Medaille für Tapferkeit in der Schlacht von Navarin, und sein Weib, ein altes, häßliches polnisches Weib stellten sich mir als Wirth und Wjrthin dar. Ich setzte mich zu einem köstlichen Mahle nieder, bestehend Ms Fisch, Suppe, Federvieh und Pastete,