Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1854-11-06 · Heft 45 (6.11.1854) · p. Seite 566

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
18 (1854)
Issue
Heft 45 (6.11.1854)
Date
1854-11-06
Page
Seite 566 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3225877-3225923--14205-3243697
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

566 losigkeit ihr krankes Kind durch allerlei Zauberpraktiken und geheime Anrufungen zu retten sucht, deren materielle Nutzlosigkeit Du ihr ja nicht beweisen kannst? Oder dem Manne, dessen Schicksalswege eng und finster um ihn liegen, wenn 'er mit Hiob irre wird und fragt : an welchen Heiligen soll ich mich denn nun wenden? und dann bei Wahrsagern und Todtenbeschwörern und Thaumaturgen Hülfe sucht? Und ist das Alles nicht baare Vielgötterei? Ueberall, wo die All-Einheitvon der der Kosmos, die Welt-Einheit nur eine Geburt ist, als alleinige Macht anerkannt und gewußt wird, da tritt die Mannichfaltigkeit der Erscheinungen und Kräfte, d. i. der Götter, auf den leeren Altar. Was soll uns gegen einen solchen Verfall schützen? — Und Verfall wäre es doch) denn das wird doch wohl Niemand behaupten, es sei ganz gleichgültig, ob die Menschen von der Gottheit mehr oder minder edle und lautere Begriffe haben. — Wer soll uns dagegen schützen? Die bloße politischegelehrte und juristische Bildung vermag es nicht) sonst wären nicht die Römer das abergläubigste aller Völker gewesen, wie sie auch, so lange wir bei keinem andern Volke große Gladiatorenschlachten als bloße Belustigungen finden, als das blutdürstigste erkannt werden müssen. Und sollten wir denn wirklich bestimmt sein, in unseren Nachkommen den alten Proceß: Naturdienst, Vielgötterei, Deismus, Theismus, Pantheismus, Materialismus, Atheismus wieder und wieder von Neuem durchzumachen? Das ist die eine Gefahr, die ich in dem Atheismus fürchte. Eine zweite aber ist vorhanden, die noch näher liegt, und die anscheinend zu einem entgegengesetzten, in Wahrheit aber und auf noch kürzeren Wegen zu demselben Ziele führt. Mit dem Beiseitestehen der Freidenkenden tritt nämlich unvermeidlich die Herrschaft des Pfaffenthums und der Frömmelei ein. Die Feinde' der Aufklärung: Mystiker, Pietisten, Schwärmer, Orthodoxen, regieren dann allein im Gebiete der Kirchen, des höhern und des nieder» Unterrichts, und aller Institutionen, die dem intellectuellen Leben der Massen gewidmet sind. Und von dieser Herrschaft ist, wie die Erfahrung lehrt und wie es auch psychologisch zu ermessen ist, Tyrannei, Intoleranz und Fanatismus unzertrennlich; denn nicht die wahrhaft Begeisterten unter ihnen werden die Obermacht gewinnen, sondern die große Majorität derer, die bei allem anscheinenden Eifer ihrer Sache nicht innere Stärke genug Zutrauen', um ohne höchst materielle" Mittel ihre Zwecke - erreichen zu können. Leider ist es aber nicht zu leugnen, der äbrahamitische Monotheismus hat sich in allen seinen Zweigen vom Anfang einer bedeutenden Nachgiebigkeit gegen den Polytheismus, obwohl in bester Absicht, nicht erwehren können. Das entwickelte Judenthum hat sich schwach gezeigt gegen Chaldäer und Gnostiker, der Islam gegen Sabäismus, Engelslehre und Nekrolatrie, das Christenthum im Allgemeinen gegen den Parsischen Dualismus, und in seinen Hauptsecten nimmt es noch heute, auf die Gefahr großen Mißbrauchs und Mißverstandes, den heidnisch-polytheistischen Trieb unter Aufsicht und Leitung. Und nicht minder wahr und in der Statur des Menschen begründet ist die Erscheinung, daß all dieser Beisatz weit herausfordernder eultivirt und geltend gemacht wird, als daS reine Gold, von welchem freilich nichts weiter zu sagen ist, als daß es: eben Gold sei. Und nun die menschliche Schwäche der hierbei-unentbehrlichen Beamten und Diener! . Ihre Herrschsucht) ihr Eigennutz, ihre Rechthaberei, die insgesammt bei der Ausbeutung jener Accommodationen ihre Rechnung besser finden, als bei der einfachen Gottesidee! Mit dem reinen Jehovah ist von der mysteriösen Seite eben nichts anzufangen , denn seine Verbindung mit dem/Menschen ist schon von Hause aus die innigst mögliche.: Aber die Mittelwesen, benannte oder anonyme, die lassen schon mit sich reden; die rivalisiren mit einander, die begünstigenda ihnen doch die Leitung des großen Ganzen nicht obliegt, ihre Provinz, ihre Clienten, ihre Lobredner; denen ist von der Seite der Ruhmsucht, des Stolzes, der Begehrlichkeit beizukommen — und dazu sind Leute nöthigdie das Dolmetschen und Vermitteln und Commentiren verstehen! . Wer mit offenen Augen um sich sieht, und sich nicht durch bloße Namen irreführen läßt, der wird nicht behaupten, diese Schilderung paffe nicht mehr auf unsere Zeiten. Sie paßt nur allzusehr, obgleich die „Aufgeklärten" noch nicht völlig abgetreten sind. Geschieht das aber, dann kann sich insbesondere Europa auf die Saturnalien der Inhumanität, der gröbsten Superstitionen, der empfindlichsten Tyrannei gefaßt machen.-— So liegt die Sache: hier Scylla, dort Charybdis — und deshalb müssen wir den vulgären Atheismus, mit einer gründlichen Furcht beehren und aus der festen Position des Theismus gegen seine Macht, die zugleich die Macht des Polytheismus ist, ankämpfen und nicht nach-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.