Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1854)
- Date
- 1854-10-30
- Page
- Seite 559 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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559 Sabbat nach dem Gottesdienst einen Vortragdes Herrn Albert- Kyhn,: welcher in der That in einem sso fließenden und beredten Französisch stattfand, daß rs .aus dem Munde eines Deutschen (eigentlich Ungarn) uns sehr überraschte. Der Inhalt war allerdings aus der Geschichte von Graetz entnommen, über R. Akiba. Die Localität dieses Vereins .ist noch dürftig; doch ist er im Wachsen. Man wird mich endlich nach den Literaten und der Literatur fragen, wie ich sie in Paris kennen gelernt. Aber hier muß ich in der That um Nachsicht bitten. Meine Reise chatte einen so großen, einnehmenden Zweck, und dieser nahm meine Zeit so sehr in Anspruch, daß ich — wahrlich! mich selbst wundere, noch so Vieles und so viel gesehen zu haben. Nun'bin ich auch von zu oberflächlichen Studien kein Freund, und vermeide solche Dinge, welche mich zu weit Hinreißen würden, mit großer Energie. Wird man es daher glauben, daß ich die große Bibliothek absichtlich nicht betreten habe?... Ich wußte, es würde mir die Insel der Kalypso sein — daher floh ich die rue Kichelieu, es einer gütigen Vorsehung überlassend, mich dahin noch einmal und auf geraume Zeit zu führen. Macht man mir daraus einen Vorwurf? Nun, ich habe auch kein einziges Theater, keine Oper, keinen Circus und dergleichen betreten. Man sieht, es war mir Ernst!... Von jüdischen Literaten habe ich, außer Herrn Munk, dessen ich bereits mehrfach gedacht, den Professor Franck gesehen. Ich kann nicht anders sagen, als er ist Franzose durch und durch, beredt, feurig, voll.Geist, Ah, sagte er zu mir, les Aliemands ont contre les juifs la liaine de la concurrence!... Ob er Recht hat?... Von Deutschen traf ich den vr. Ludwig Wihl, der mir ein eben vollendetes Drama, Susanne, vorlas. Bei einer Fülle von Schönheiten im Detail konnte es mir doch nur als eine dramatische Studie erscheinen , die für die Zukunft viel verbürgt. Er hat jetzt den Stoff Jsaac Orobio in's Auge gefaßt.... Die Redactoren der beiden jüdischen Monatsschriften, Herr Simon Bloch vom Univers israelite, und Herr S. Cache n von den Archive« hatte ich leider! nur in sehr, kurzen Unterhaltungen zu sprechen Gelegenheit, .indem der erstere verreiste, mit dem zweiten stets ein Unstern des gegenseitigenVersäumens stattfand.... Aber ich habe hier noch eines sehr thätigen und nützlich wirkenden Mannes zu erwähnen, des Herrn A. Cr eh an ge, des Secretairs des Coraile Consistorial und der Consistorial- Administratoren. Derselbe ist Herausgeber und Verfasser vieler nützlichen Schriften. So giebt er den musterhaft eingerichteten Annusire (zu 50 6ent. j4 Ngr.j), einen sehr' niedlichen hte, heraus, von dem mir vier Jahrgänge vorliegen. Zm Jahre 1853 edirte er ein sehr angemessenes 'Y9, Gebete für Kranke, Sterbende und Todtch in der Ursprache und in der französischen Üebersetzung und französische Originälgebete. Ganz vorzüglich ist seine Ausgabe der Gebete, Tert und neue, höchst gediegene französische Üebersetzung, in prächtiger Ausstattung (1852). Sein Hauptwerk aber ist die in diesen Blättern schon 1846 recensirte La semaine israelite, roeldje, anknüpfend an die jedesmalige Sidra, die biblische Geschichte erzählt und in Gesprächsform erörtert, zugleich Geschichten, Parabeln, Sentenzen,u. s. w. aus dem Talmud, den Propheten und Hagiographen anfügt. Er hat davon zwei Ausgaben erscheinen lassen , die eine Prachtausgabe mit 50 Lithographien in gr. Lep.-Format. — Endlich müssen wir noch des wackern, strebsamen Obercantors -Herrn Naumburg gedenken, der durch seine zwei Bände Synagogengefänge unsere musikalische Literatur so wesentlich bereichert hat. Wir machen uns das Vergnügen, ihn aufmerksam zu machen, daß vor Kurzem die „Neue Berliner musikalische Zeitung" in zwei Nummern seine (französische) Vorrede zu seinem Werke in einer deutschen Uebersetzung mit Anmerkungen sehr belobend gegeben hat. — Als ein uns kostbares Geschenk nahmen wir noch ein Eremplar von Munks Notice sur Äbou’l - Walid Merwan Ibn-Djana’h et sur quelques autres grammairiens liebreux du X et du XI siecle 1851 mit, über welches wir ein anderes Mal berichten wollen. — Es sterben im Durchschnitt jährlich 300 Israeliten in Paris? Unterstützung erhalten circa 500 Familien. — Aber Ich will heute doch von meinen Lesern noch mit etwas Erfreulichen» scheiden. Im Empfangzimmer der Frau Baronin von Rothschild hängt — außer Familienportraits — nur ein einziges Gemälde, aber ein herrliches, hinreißendes. Es ist nach der Idee der Frau Baronin selbst gemalt- und man hat Schilf aus Egypten vom Nil kommen lassen, um naturgetreu zu Malen — die Findung Mosis von Laroche. Es ist ein Pen^ dant zu der sogenannten Nacht von Coreggio, dieser großen Zierde der Dresdener Gallerie. Aber ein'originaler und glücklicher Pendant. Im Vordergründe, in einem Kästchen das Kind Moses, von dem das Licht über die ganze Scene ausströmt. .Welch' ein Kind! Voller Schönheit, und doch der Ausdrück' eines' Menschen,'welcher der Welt angehört; bei kindlicher Grazie dennoch die Fülle und Energie eines mächtigen, aber noch. künftigen Geistes. Durch das Schilf blickt Mirjamein kräftiges orienta-