Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1854)
- Date
- 1854-10-02
- Page
- Seite 505 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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505 werden im Nachiheile taffen gegen die Juden der Türkei. ES würde dies zu sehr an die vormärzliche Zeit erinnern, wo so viele Juden sich türkische Paffe verschafften', um ungestört hier bleiben zu können. Herr Prediger Mannheimer hat den neuen Tempel zu Brünn eingeweiht. Derselbe soll sehr prachtvoll gebaut sein, steht ganz frei mit der Frontenach Außen, auch ist in demselben eine Orgel. .ES ist da auf's Neue eine jüdische Gemeinde, wo vor einem Jahrzehent eS dem Juden kaum gestattet war, eine gemessene Zeit zu verweilen, und wo nicht einmal der tobte Jude ein Plätzchen Haben durfte. Zu wünschen wäre es, daß eS der Gemeinde bald gelänge,' einen tüchtigen Prediger zu gewinnen, der das Wort Gottes in reiner, lauterer Sprache verkündigt. Wie ich höre, hat der Vorstand der hiesigen Gemeinde beschlossen, bei dem neuen Tempel zugleich die Nebengebäude aufführen zu lassen; zwar hat daS Anlehen die Kosten nicht gedeckt, aber das übrige dazu nöthige Geld wird sonst ausgenommen werden. Dazu stehen der Gemeinde so manche Fonde zu Gebote von Seiten der Vereine, die auf solche Weise benutzt werden können. Jedoch soll der frühere Plan, daß Gemeindeanstalten Religionsschulen, Kinderbewahranstalten rc. — in den Nebengebäuden placirt werden sollen, aufgegeben sein. Frankreich. Paris, im September. In den französischen Journalen wird jetzt der Entwurf des Herrn L. Werth, des Gründers der „Arbeitsschule" in Mühlhausen und Vorsitzender der israelitisch - philanthropischen Gesellschaft des Oberrheins, eine Ackerbaücolonie für Juden des Elsaß zu gründen, indem ein Gut gepachtet werde, wo unter Leitung eines tüchtigen Oeconomen junge Juden des Elsaß im Landbau unterrichtet werden, und die tüchtigen unter ihnen später zur Pachtung eines Hofes unterstützt werden, vielfach diScutirt. — Der vniv. isr. enthält wieder einen eben so sinnig wie geschmackvoll geschriebenen „lettre ä'une karisieune" (Julienne Bloch), und wir bedanken uns schönstens für den sanften Backenstreich, den wir dafür erhalten, daß wir in einer unserer „Pariser Skizzen" die Damenwelt in Paris nicht gläubig genug verehrt haben. Einen ernstern Gegenstand bringt sie zur Sprache, indem sie frägt: da unter den zweitausend' gefangenen russischen Soldaten aus Bömarsund sehr viele Juden seien, ob diese nicht späterhin in Frankreich und England Zurückbleiben könnten? Es ist dies ein Wunsch, der einem weiblichen Herzen sehr viel Ehre macht — aber ausführbar wird er wohl nicht sein, wenn Rußland entweder zur Auswechslung oder beim Friedensschlüsse seine Gefangenen zurückfordert. (Hierbei bemerken wir, daß so viele jüdische Soldaten darunter seien, nach den öffentlichen Blättern, daß man die Gefangenen in vier Tischgesellschaften getrennt haben soll: Russen, russische Juden, Finnen, finnische Juden — allein es giebt keine Juden in Finnmarken.) — ' Türkei. Gonfiantinopel, Anfang September. (Privatmitth.) Allerdings ist man genöthigt (und wie gern!) zu sagen, daß der Sultan und sein jetziges Ministerium die besten Absichten zu einer gleichmäßigen Behandlung aller seiner Unterthanen haben. Aber lassen wir uns von „Hatts" und Reden und Versammlungen der Würdenträger, zu denen auch der Chacham- Baschi geladen wird, nicht täuschen. Es geht so schnell nicht, und zwar nicht blos wegen der „alten" Türken, sondern auch der Juden und Christen wegen nicht, die allesammt so in die bisherigen Verhältnisse eingelebt und so ungebildet in der Masse sind, daß sie neue Einrichtungen zu begreifen und nutzbar zu machen viel zu stupide sind. Ich erinnere mich dabei oft genug an jene lieben deutschen Gemeinden, wo der Rabbiner oder Lehrer weiter war, als die Gemeinde, und diese mit Gewalt neue Reformen goutiren sollte, für welche sie gar keinen Verstand hatte. Hier mit einem Male die bestehenden Einrichtungen ändern wollen, hieße Alle rathloS machen und das Leben ersticken. Deshalb sind auch Schulen, europäische Schulen hier eben so unpassend wie dauerlos, die Kinder werden sie wenig besuchen und was sie gelernt haben, in kurzer Zeit spurlos vergessen. Wenn die Schüler nicht zugleich das europäische Leben und europäisches Gewerbe kennen lernen und mit hierher bringen, ist Alles umsonst. Freilich! ein weiter Weg, aber es ist ja bekanntlich mit den „kurzen" Wegen so eine vertrackte Sache, sie find viel länger, denn sie führen meist — in der Runde wieder herum. Man kann viel dagegen einwenden, aber alle Einwände sind, meiner Ueberzeugung nach, unhaltbar. Sie finden