Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1854)
- Date
- 1854-09-18
- Page
- Seite 478 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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478 Dir nicht, daß das Werk zwei Schwächen hat, die eine, daß die Eregese der Schriftstcllen öfter nicht die einfache und wortgetreue, ist, die anderedaß der Verfasser zu oft auf Me ^fÄschrrrl- Ansichten der Natutforfcher seiner Zeit sich stützt, und aus' denselben Folgerungen macht, die natürlich uns nur als verunglückt erscheinen können. Ich hebe Beides hervor, das Erstere als Warnung für die Theologen, welche philosophiren —■ eine Gattung, die in unserer Zeit sehr selten ist — und nun ihre Philosopheme durch Schriftstellen stützen wollen; das Zweite als Warnung für die Vielen, welche jetzt über metaphysische Dinge aus physischen Erscheinungen heraus entscheiden wollen; denn so viel wir auch seit Saadja in den Naturwissenschaften vorgeschritten sind, so stehen wir dennoch, wie jeder Kundige weiß, auch hierin noch in den Kinderschuhen, und Folgerungen arrs den jetzt herrschenden physikalischen und physiologischen Ansichten und Erklärungen heraus werden nach kurzer Zeit sich als thöricht erweisen. Letzteres ist so wichtig, unseren Zeitgenossen zum -Bewußtsein §n bringen, daß Du mir gewiß nicht verdenkest, wenn ich einige Beispiele anführe. Saadja erklärt Abschn. l §. 3 die Welt für endlich oder begrenzt. Unter Anderm erweist er dies so: „Dann forschte ich und fragte auch: vielleicht giebt es noch viele andere Erdkreise und andere sie umkreisende Himmelskörper, so daß es dann an Zahl unbegrenzte Welten geben kann; aber ich sah, daß diese Voraussetzung nichtig und nach dem Naturgesetz unmöglich ist. Denn es liegt in der Natur, daß das Erdelement nicht über dem Feuer, wie die Luft nicht unter dem Wasser sein soll, weil Feuer und Luft, als die leichteren Elemente, stets über den schweren, Erde und Wasser, sind; nach dieser Erfahrung müßte ja eine Erbmasse, welche außerhalb dieser Erde sich befindet, die Feuer- und Lustregion durchbrechen und auf unsere Erde fallen u. s. w." Oder, im Ab'fchn. VII §. 4 stützt er die Möglichkeit der „Wiederauferstehung" dadurch, daß er sagt: „Die Naturforscher wissen, daß das Luftclement zwischen der Erde und dem ersten himmelskörperlichen Theil um 1089 (weil aus 33mal 33 gewonnen —) umfänglicher als die ganze Erde mit ihren Bergen, Meeren, Pflanzen und lebenden Wesen." Eben so die Berechnung von der Größe der Erde, Folgerungen aus der Meinung, daß die Erde die Mitte der Welt u. s. f. — Aber abgesehen von diesen Schwächen enthalt das citirtc Werk so viel Gutes, so viel, was. noch heute nicht blos richtig, sondern auch wichtig, daß ich Dich jetzt näher in dasselbe eiuführcn will, — Das Werk R. Saadja'S besteht aus einer Einleitung und zehnFlbschnitten. Die Einleitung giebt vor Allem die Motive für Abfassung des Werkes an; der Verfasser lerntedie verschieden sten,Men schenelassen mit den verschiedensten Gläubcnsanstchten und Erkenntnissen kennen, er betrübte sich darüber, vorzüglich ward „sein Mitgefühl für seine Stammgenossen, die Israeliten, rege." „Denn," sagt er, „ich sehe in jetziger Zeit viele der Gläubigen, deren Glauben nicht lauter und deren Erkenntnisse nicht überzeugend klar sind; ich sehe viele der Religionsleugner, Me sich des Unglaubens rühmen, und obgleich selbst Irrgläubige, dünken sie sich erhaben über die Männer der Glaubenswahrheit. Ja, ich sehe viele Menschen, die fast ganz in dem Strudel der Zweifel versunken, von den Fluthen der Jrrsale bedeckt sind, und es findet sich kein Taucher, der sie aus der Tieffluth heranholt, und kein Schwimmer, der, sie erfassend, rettet." (Du siehst daran, daß die damalige Zeit der unstigen in dieser Beziehung ziemlich glich!) Diesen Zuständen abznhelfcn, schrieb Saadja sein Buch, damit „der Gläubige an Glauben erstarke, der Zweifler seinen Zweifel entschwinden sehe, der bloß aus Uebcrlieferung Glaubende seinen Glauben philosophisch und vernunftgemäß fasse." Er untersucht dann, woher die Jrrthümer stammen, und zeigt, wie man, vom Sinnlich-Wahrnehmbaren und Einfachen ausgehend, langsam und streng wachsam fortschreitend, zur Erkenntniß komme; und definirt den Glauben als „das Jnnewerden eines bewußten und erkannten Gegenstandes, je nach der Gestimmthcit des Glaubenden zu dem Geglaubten" — eine sehr wenig befriedigende Definition, die den Verfasser daher zu der Behauptung führt: „Der Mensch ist daher in den gewußten Gegenständen nur in so weit ein Gläubiger, als ihm durch die Vernunft geboten wird" — eine Behauptung, mit welcher man die sogenannten „Rechtgläubigen" gerade für „Ungläubige" erklären könnte. Saadja bestimmt ferner als die drei Wurzeln der Erkenntniß : die Wahrnehmung durch die Sinne, das urthümliche Begreifen des Verstandes (z. W daß die Tugend gut und die Lüge verächtlich ist), und das Begreifen aus diesen durch die Folgerungen der Vernunft, wozu das Judenthum noch eine vierte „die wahrheitliche Uebcrlieferung" fügt. Aus allem diesem fließt nun die Methode, welche Saadja befolgte. Er stellt überall zuerst die Lehre an sich dar, erweist diese aus Schriftftellen und der Tradition, begründet sie dann durch Vernunftgründe, zählt hierauf die entgegengesetzten Meinungen auf,