Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 52 (20.12.1852)
- Date
- 1852-12-20
- Page
- Seite 620 (sequence 2)
- Language
- German
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62« häini. 1221251 „Viele werden umherschweifen, und dennoch wachst die Erkenntniß!" Fragen wir zunächst, w a S b e d eu t e n d i eseWorte? Sehen wir uns zuerst in unserm eignen Kreise um. Wenn es die Aufgabe der Söhne Israels ist, die Erkenntniß deS wahrhaftigen Gottes, seines Wortes, seiner Lehre, zu Pflegen, zu wahren und wachsen zu machen immerfort, wenn sie um defsentwkllen gerettet worden so viele Male, erhalten worden bis hierher, in oft so wunderbarer Weife, um dessentwillen allein sind und bestehen: welch' Umherschweifen gewahren wir da! Da zuerst der große Haufe derer unter uns, welche sich um diese Erkenntniß gar nicht kümmern, welche leben, um zu erwerben und zu genießen, welche nach Höher«, nach Religiösem, nach Gott und,Erkenntniß zu streben, für etwas sehr UeberflüsstgeS halten, nicht blos weil sie in derselben Zeit Etwas „verdienen" können, sondern weil ihnen Herz und Geist dafür abgestorben ist, weil schon der bloße Gang danach ihnen viel zu viel ist — o ihre Zahl ist groß, und wird immer größer— 1222)1 0121 Viele schweifen umher! Und sehen wir von diesen auf Andere, welche allerdings noch Sinn für Erkenntniß haben, aber sie wenden sich ab, sie wissen freilich nicht warum? von den allen Quellen Israels, von dem Pfade, der Mose und David und Jeschaja und Ijvb und Danijel und alle Geschlechter ihrer Jünger gingen, sie haschen nach den Seifenblasen, welche frisch gebackner Weisheit Verkünder ihnen in die Luft streuen, Seifenblasen, denn, so sie ernstlich nach dem Inhalt fragen, ist all dies zerronnen; Alles gefällt ihnen, was die Schrift und die Wahrheit der Jahrtausende thörichtcr Weise anfeindet, oder kindischer Weise begeifert, aber was sie verthekdkgt und erläutert und in ihrer Erhabenheit und Herrlichkeit darstellt, das hören sie nicht, und sehen sie nicht, und wollen sie nicht! — O, von den Wenigen, denen es Ernst ist unter diesen, gilt das Wort Amos' (8, 12.): „da ziehen sie von Meer zu Meer, von Mitternacht bis Morgen hin, „1221121 idrL2i kV) 'fi 12"! 12|?2V' sie schweifen umher das Wort des Ewigen zu suchen, und finden eS nicht! — Stellen wir Dies gegenüber. In AntiochuS deS Tyrannen und JudaS Machabbi Zeit, da fielen die Weisen und Gottgetreuen durch Schwert und Feuer, durch Gefängniß und Raub, und die Abfallenden, die vor des Königs Götzen sich beugten, erhielten Ehren und Herrschaft und Ländereien um diesen Preis—- da „schweiften Viele umher", fielen ab, folgten den Verlockungen , - fürchteten die Verfolgungen — jetzt, der großen Mehrzahl ist der Odem ausgegangen für Religion und Erkenntniß, der Pulsschlag deS Herzens stille gestanden, eine andre Zahl folgt der Modeweisheit und blähet sich' in Zweifel und Verleugnung, eine kleine Zahl meint es ernst, aber irret ab — was Verfolgung und Verlockung nicht vermochten, das thut die Leerheit des Geistes und Herzens, und die kindische Sucht der Mode und der Wahn — Viele schweifen umher!... Aber wenn, wie damals der Seher betäubt niedersank vor Bangen, so uns jetzt die verzagende Furcht überkommt, wie? ist eS aus um Dein Volk Israel, und was eine ganze, bewaffnete Welt vier Jahrtausende hindurch nicht vermochte, vollbringt das die selbstmörderische Hand, der Tod, der in die Gebeine sich geschlichen, die Erstarrung, der Schlaf im eisigen Alteröfroste? .. . da ertönt auch heute die Stimme deS höhern Geistes, wie damals: Ja, Viele schweifen umher — i-D'im und dennoch wächst die Erkenntniß! Glaube nur nicht, du, Mensch von gestern und heute, du Sohn eines kurzen, vergänglichen Daseins, daß darum die Erkenntniß, - die Wahrheit, Gottes Lehre und Anbetung untergeht, daß es darum aus ist um Israel und um Israels heilige Erbschaft, siehe, mitten in diesen Wirren und diesem Abfall, und trotzdem, daß die große Ueberzahl umherschwcift: riSidi N21N wächst die Erkenntniß. Bekräftigen wir uns dies. Zuerst. In der Schrift heißt es: i*iftN Irriin tfb trin (2 M. 23, 2.) „folge nicht der Menge zum Bösen", ja, schon in einem Zeugniß sollen wir nicht, der Menge nachgebend, das Recht beugen. Sie setzt also voraus, daß die Menge das Böse, die Menge das Unrecht wollen kann! Und daS ist eine Wahrheit, welche die ganze Geschichte der Menschheit, die ganze Geschichte Israels bewahrheitet: Wahrheit und Recht sind unabhängig von der Zahl, von der Menge, von der Mehrheit! In der Zeit der Könige von Juda und Israel, wie gering war die Zahl derer, die Gottgetreu um die Propheten sich schaartrn, während Fürsten und Volk mindestens „auf zweien Seiten hinkten", in der That schnödem Götzendienst und großer Sittcnlostgkeit ergeben waren. Als Koresch den Juden in Babel die Erlaubnl'ß gab; nach Jerusalem zuruckzukehren, Tempel und Stadt wieder zu erbauen, Gottesverehrung und Nation wieder herzustellen 40,000 unter Serubabel vollführten es, während Millionen in Babylonien und Medien und Assyrien zurückblieben.