Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 50 (6.12.1852)
- Date
- 1852-12-06
- Page
- Seite 595 (sequence 3)
- Language
- German
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die weiße Lilie daS der Reinheit, die immergrüne Mhrthe der Unschuld, die Tulpe der prunkhaften Eitelkeit. Eine umfassende Charakteristik der Natur würde Sie in dieser Weise durch daS Reich aller Pflanzen und Thiere führen, und Sie nicht blos am stolzen Fluge des Adlers und an der Majestät dcS Palmenwuchses, sondern noch am einfachsten und kleinsten Wesen den Gedanken Nachweisen, den seinen Formen der Weltgeift aufgedrückt hat. Und dennoch, m. H., und dieS ist hier höchst wichtig, stnden Sie all diese Schönheit, all diese Fülle von Schönheit nur an der.äußersten Oberfläche der Dinge. Sobald wir tiefer eindringen in das Innere der Wesen> ist der Zauber der Schönheit verschwunden. Heben Sie von der entzückendsten Schönheit, und wäre eS Apollo AntinouS oder Venus selbst, die Epidermis, diese dünne Schicht der Oberhaut ab, und Sie wenden sich entsetzt ab, Sie gewahren nur. noch ein wirres Gemisch von Muskel und Sehne', von Nerv und Gefäß, wie chaotisch untereinander laufend, von unschön gestalteten Knochen und Bändern, die grellsten Farben und Formen, höchstens daß die indeß lange nicht vollständige Symmetrie der beiden Körperhälften zeigt, daß irgendwo Schönheit und Zweck zusammenstoßen und Eines werden. So in allen Thier- und Pflanzengebilden, in welchen, sobald sie die Oberhaut hinwegräumen, nur ein Gewirre zahlloser Zellen zurückbleibt. Wird doch selbst der blaue Himmel, wenn Sie hineindringen könnten, zu endlosem, also form- und farblosem Raume, die funkelnden Planeten zu braunen, nackten Erden, die lichten Wolken zu grauen, feuchten Nebelmassen, und was auS den goldnen Sonnen, wenn wir. ihnen nahe kämen, würde — das wissen wir freilich nicht. Hieraus geht aber als Resultat hervor: 1) daß, weil die Schönheit überallhin an allen Formen der 'Natur ausgeprägt ist, weil sie aber nur an der Oberfläche der Dinge haftet, sie eben ein bestimmt Gewolltes, ein wirklich und wesenhaft Bestehendes, also weder etwa blos durch das menschliche Auge und für daS menschliche Gemüth Eristirendes, noch mit. dem Stoff an und für sich von selbst Verbundenes ist; 2) daß, weil die Schönheit an allen Formen der Natur, aber in allen als ein besonders nüancirter und charakteristisch pronuncirter Gedankcninhalt ausgeprägt ist, sie eine beabsichtigte Manifestation deS Geistes in der Natur ist, indem nun mit aller Form ein geistiges Element, ein Gedankeninhalt verbunden ist und in ihr lebt , selbst an den Dingen, die ein eigenes Geistesleben nicht haben. *) Gehen wir aber, m. H., von der Betrachtung deS Äeußern zum Innern: so erscheint uns hier der Geist in der Natur als der Geist der Zweckmäßigkeit, d. i. daß jedem Gebilde der Natur ein bestimmter Zweck eittwohnt, und daß nun die ganze Einrichtung des Geschöpfes diesem Zwecke entspricht. Sekt langer Zeit spricht man davon, daß die Natur eine lange Stufenleiter von Wesen bilde, die vom Ünoollkommnern zum VoUkommnern ansteige. Es ist dieS nur theilweise richtig. Allerdings giebt eS höher und niedriger organistrte, mehr und weniger entwickelte Wesen; aber an sich ist jedeS Wesen so vollkommen wie daS andre, d. h. eS entspricht Eines wie daS Andre in gleicher Weise dem Zwecke, zu dem eS in seiner individuellen Weise geschaffen worden; eS ist „Alles gut in seiner Art." Was für ein Wesen wir in Betracht ziehen, von der belebten Gallerte an, die Nichts von Leben verräth, außer der Reizbarkeit bei der Berührung, bis zum Menschen, vom Sandkorn bis zu dem Weltkörper, dessen Lichtstrahl daS Universum durchschneidet: jedes hat seinen bestimmten Gedanken zum Zwecke seines Daseins, und der Geist lebt kn ihm als dieses bestimmten Gedankens Erfüllung. Gehen wir dann tiefer in das Innere des einzelnen Wesens, so sehen wir, daß nicht minder schön jeder einzelne, größere und kleinere Theil, Organ, Glied dieses Wesens seinen Zweck und die demgemäße Einrichtung hat, um seiner Stellung im Ganzen nach, dem Zwecke des ganzen Wesens zu dienen. Ein großsinniger Engländer hinterließ einst eine ungeheure Summe Geldes, um damit die bedeutendsten Naturforscher zu besolden für Arbeiten, die sie, um die Zweckmäßigkeit aller Einrichtungen in der Natur zu erweisen, unternehmen würden. Es gingen daraus die s. g. BridgewaterbüchLr hervor; die ersten beiden Bände derselben allein enthalten eine Schrift deS bedeutenden Anatomen Bell über die Zweckmäßigkeit der menschlichen Hand, dieser Hand, die ebenso durch die Zartheit, durch die oft erstaunliche Feinheit des Gefühls in den Fingerspitzen, wie durch die Freiheit ihrer Rotation und ihre Beweglichkeit, wie durch die oft Mörm aüSgebildete Kraft und Festigkeit ausgezeichnet ist, und nur durch die Verbindung dieser scheinbar so entgegengesetzten Eigenschaften das Werkzeug des menschlichen *) In den Dingen, welche ein eigenes Geistesleben haben, wird mit diesem der Geistesinhalt ihrer Form konform sein, ihm korrespondiren.