Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 50 (6.12.1852)
- Date
- 1852-12-06
- Page
- Seite 594 (sequence 2)
- Language
- German
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594 der Eisberge, durch daS Brüllen des Meeres um die zerklüftenden und zerspringenden Eisfelsen unterbrochen wird, sie siW vofl erhabenster Schönheitwenn die, aufgehende Sonne vhn^den Demantwänden -zurückblitzt und die zahl-- los verschiedenen Thürme und Spitzen und Blöcke als gigantische Edelsteine in den mannigfaltigsten Lichtfarben glühen. Ich habe Ihnen oben eine Meereslandschaft geschildert, einen unterseeischen Wald, wo zahllose Gewächse in den schönsten Formen und Farben, aber niemals einem menschlichen Auge erglänzen —. aber, um dahin zu gelangen, senken wir uns in das Meer selbst, welche Herrlichkeit der Farbenwelt: daS Blau deS Himmels, das Licht deS TageS verschwindet, aber ein feuriges Gelb umgiebt unS, dann kommt ein flammendes Roth, wie ein feuchtes Höllenmeer ohne Gluth; dann wird daS Roth dunkler, purpern, endlich schwarz, eine undurchdringliche Nacht. Aber auch in der Welt, welche unserm unbewaffneten Auge ganz und gar verborgen ist, blühet die Schönheit, und ein Schmetterlingsflügel unter dem Mikroskope, oder ein Blättchen, oder ein Stückchen Feder erschließt uns Gebilde von kleinstem Umfange, aber größter Formen- und Farbenschönheit. Haben Sie schon Schneeflocken beobachtet? welche reizende Sechsecke in nie zu erschöpfender Formverschiedenheit, und glänzend wie Demant! *) Endlich auch da ist Schönheit, wo freilich die langandauernde Wiederholung Eines und Desselben daS Gemüth des Menschen zuletzt nicht blvS fühlloS, sondern auch trostlos macht. Sie sehen eine ungeheure braune Ebene wie einen breiten, langen Strich vor sich liegen, mit dem der Horizont in gelblichem Streifen sich vermahlt; kein Baum, kein Strauch, kein Hügel; im Vordergründe eine verschlossne, hölzerne Hütte, die verlassen und verfallen scheint; sie lehnt sich mit der Seite an einen schilfum- und bewachsenen Sumpf, an dessen Rand ein Reiher auf einem Fuße steht, dqS einzige Lebende in der weitenweiten Landschaft, daS ist die ungarische Pußta, nur hie und da von den täuschenden Wvlkengebilden der Fata Morgana belebt. Aber ob-die Karawane voll Bangens den Saum der Wüste betritt, der einsame'Reiter, sein Pferd auf den schmalen Pfad durch den endlosen braunen Moor lenkt, oder auf die mit hohem Grase.gleichförmig bewachsene monotone Fläche der Prärreen oder der Pampas, immer wird der erste Eindruck ein mächtiger, der Eindruck einer majestätischen Schönheit voll Erhabenheit und gigantischer Ruhe sein. *) Eine schöne Abbildung solcher Schneekrystalle haben wir Bd. UI. S. 603 unfter BW gegeben. Wenn also das erste Moment ist, daß in der Matur die Schönheit konstant und konsequent, also als eine charakteristische Wesenheit des in ihr sich manifestirenden Geistes' erscheint, ebenso in den für den Menschen unerreichbaren Höhen und Tiefen, wie in größten und kleinsten Reichen, die dem Menschen verschlossen sein sollten — so ist das zweite, daß diese Schönheit in der Natur niemals eine bloße Schönheit der Form ist, sondern überall zu gleicher Zeit charakteristisch hervortritt, d. h. einen best i mm te n G e d a n ke tt a us präg t. Schon hierdurch spricht zu uns die Natur aller Zeiten und Orten, und für den, der Aug' und Ohr dafür offen hat, in sehr verständlicher, ja in der beredtesten, hinreißendsten Sprache; überall ist es der Geist, der aus den Gebilden der Natur uns anblickt und anredet, so daß wir unS in ihr niemals allein, niemals isolirt fühlen; und wenn irgend Etwas in dem Menschen den ersten Begriff einer Gottheit hervorrief, so war es Dies, daß die Natur nicht als eine Sammlung von tobten, erstarrten Formen ihn umgab, sondern aus jeder Form schon der Geist mit einem charakteristischen Zuge ihn anrief. Auch hier, m. H., brauche ich Sie nicht etwa an die tausendfach nüancirten Gedanken zu erinnern, welche von Himmelsgewölbe, Gestirnen und Luft in ihren verschiedensten Erscheinungen ausgesprochen werden, von den Schrecken deS Orkans an, der über Meer und Land, Himmel und Erde durchwühlend, dahinfährt, bis zu der.goldnen Erschlaffung, wenn senkrecht die glühende Sonne vom ehernen Himmel in vollständigster Windstille ihre brennenden Pfeile schüttet, und bis zu der silbernen Erstarrung in dxn Regionen des ewigen Eises; nicht zu erinnern, welche charakteristische Gedankenverschiedenheit zu Ihnen sprechen wird, wenn sie unter die gradlinien Säulen der Fingalshöhle, unter die steinernen Gebilde einer Stalakitenhöhle, oder in die süßen Schauern eines dichten Buchenwaldes eintreten; wenn Sie in enger, tiefer Felsschlucht, die ein Waldstrom durchdonnert, durch die scheinbar übereinander stürzenden Wände und Blöcke nur einen schmalen Streifen Himmels erblicken, oder über das weite, Hügel- und flurwechselnde Gefilde, vom Silberbande des Stromes durchschnitten, den gerötheten und vergoldeten Abrndhkm- :mel -sich wölben sehen — ich brauche diese großen Erscheinungen der Natur nicht zu Hilfe zu rufen, denn schon jedes einzelne, jedes kleinste Geschöpf tritt in seiner besondern Schönheit mit besonderen Gedanken charakteristisch an Sie heran- und nicht' umsonst wurde in grauester Vor-, zeit schon das kleine. Veilchen daS Sinnbild der Demuth,.