Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 46 (8.11.1852)
- Date
- 1852-11-08
- Page
- Seite 554 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Ja, wir wissen eS, wir gewahren eS, an Allem waS unS umgiebt, an unS selbst, eS entgeht unS nicht: wir s i n d. v e r g ä n g l i ch; d^NL * gleich zerbrechlicher Scherbe, ujäj gleich verdorrendem Grase, ‘p&s gleich verwelkender Blume, gleich vorübergleitendem Schatten, 1ZV2 gleich dahinfahrender Wolke, ri^id-gleich verwehendem Winde, tyns gleich verfliegendem Staube, tp3>J öibrte gleich schwindendem Traume! — Noch heute und morgen, und wir werden nicht mehr gesehen, und unser Auge, ob eS auch zum Himmel geschaut, ist erloschen, und unser Fuß, ob er auch viel geschritten, schreitet nicht mehr.... Wir wüßten eS nicht? Haben wir nicht Alle schon herbe Verluste erlitten an denen, die wir am Meisten geliebt?... Sahen wir nicht Bande zerreißen, die die stärksten gewesen?... Erfuhren wir eS nicht auch in diesem Jahre in dieser Glaubensgemeinde? Gingen wir nicht hinter den Särgen ehrwürdiger Väter und Mütter, deren Kinder nach ihnen frugen und weinten? Wurden nicht Gatten die Gräber gegraben,' daß Wittwen und Waisen riefen: Herr, wer stehet uns bei? — Sahen Eltern nicht'ihre Kinder verscheiden, daß die Jugend dahinging vor den Augen deS- Alters? ... Ja/ wir klagen — aber wie bald, und um die Klagenden wird geklagt, die Trauernden werden betrauert — und bald darauf, all die mit uns gelebt, sind dahin, das Geschlecht, in und mit dem wir wurden und waren, ist dahin, Keiner übrig, -yft „daS Geschlecht ist gegangen" ... wir sind vergänglich.... Aber, so wir vergänglich sind auf Erden, sind wir darum überhaupt vergänglich? Oder lebt ein Geist in unS, der nicht vergänglich? der lebt, auch wenn der Leib ward längst dem Staub vermählt? dem das Abendroth der Erde das Morgenroth eines' andern Lebens ist? Ja, wir sind unsterblich! Das rufet uns zuerst die ganze Menschheit zu. AuS der grauesten Vorzeit durch alle Jahrhunderte hindurch, von den Völkern, die der unmittelbaren Natur des Wesens nach am Nächsten standen, durch alle die Reihen der gekommenen und verschwundenen Nationen tönt es wie mit Einem Munde: des Menschen Geist ist unsterblich! Kein Volk ward gefunden, das dies nicht bekannte, und nur in den überkultivirtesten Zeiten geschah es, daß die Spitzfindigkeit des Verstandes und die verbrannte Oede des Herzens Solches bezweifelte in größerer Menschenzahl — nein! die ganze Menschheit ruft eS uns zu : wie sollt' es die Wahrheit nicht sein?... Wir sind unsterblich! Das rufet uns zweitens die ganze Welt um unS zu. Ist nicht Alles geschaffen seinem Zwecke nach? und diesen Zweck erfüllet ein Jedes? WaS eS sollte, daS kann es thun und thut eS. WaS wäre aber der Zweck unferS Geistes, so dieser mit dem Leibe enden sollte? WaS sollte daS Denken, das Erkennen, wenn eS nicht 'mehr als hieniedenerreichen, zur Wahrheit niemals gelangen > sollte? WaS daS Fühlen, Empfinden, wenn eS niemals zur Befriedigung kommen sollte? waS daS Streben und Entwickeln, wenn eS niemals ein Ziel erreichen sollte? wenn all DieS abgeschnitten würde durch den Tod auf immer, dem hier, dem dort, wie' zufällig, stets aber kaum begonnen, nie vollendet? WaS sollte all Dies, nur uns unglücklich, voll Unruhe, voll Schmerz und Mühsal zu machen? Im ganzen Weltenraume sehen wir nirgends ein Bruchstück, Alles nach seinen Maßen vollendet — nur wix sollten Bruchstück sein und bleiben? ... Aber noch mehr: Gott, der Begriff Gott schon, ruft es uns zu. Gott ist unendlich, und da wir, wenn auch nicht begreifen, doch fassen die Unendlichkeit Gotteö in unserm Geiste, so kann auch dieser nicht endlich sein. Wer Gott denkt, der muß dieses Gedankens Unendlichkeit selbst haben. Und : Gott ist die Liebe, wie könnt er die Liebe als den Grundzug unferS Wesens, als unser ganzes Bedürfen und Sehnen in unS gesenkt haben, um sie wieder verschwinden zu lassen? Gott ist gerecht, wie könnt' er des Menschen, jedes Menschen Leben voll Mühsal und Drangsal zugelaffen haben, ohne ihn jenseits des GrabeS darüber zu erheben? wie könnt' er, da oft genug der^ Gerechte zur Erde gebeugt, der Sünder stolz erhoben ist, überhaupt da unser sittliches Bewußtsein niemals hienieden zum Abschluß und zur Lösung kommt, in einem Leben nach der Erde den Abschluß und die Lösung, d. t\ daS Gericht vorenthalten? Und endlich: wir sind unsterblich! daS rufet unser eigner Geist unS zu. Von wannen die Sehnsucht, die ewige, die im eifrigsten Zweifler noch immer hoffende Sehnsucht nach Unsterblichkeit? Don wannen' d'aS, wir wissen nicht woher? gekommene'Bewußtsein, daß dieses Ich, daS in uns erwachte, wir wissen nicht wann? und wie? und seitdem nie erlosch, ffortbestehe als Solches, in seinem Bewußtsein; daß diese Persönlichkeit, die sich, so und so gebildet, weiter eristire in ihrer- Fortentwickelung und Weiterbildung? — all dies ist so eng mit unserm ganzen Sein verwoben, unser ganzes Dasein darauf gebaut und eingerichtet, daß fie fürwahr keine Lüge sein können, daß: so gewiß wir sind, so gewiß wir weiter