Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 7 (9.2.1852)
- Date
- 1852-02-09
- Page
- Seite 82 (sequence 10)
- Language
- German
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82 „Wenn Ihr daS von uns glaubet," rief Jossel laut und kräftig auS, „dann bringt unS vor den Kommandeur, daß er uns prüfe. Man lachte wieder und der Argwohn war zerstreut. „Freund!" sprach ein Grenadier und klopfte Jossel auf die Schulter, „gkeb uns was zum Besten!" DaS war die schwache Seite Joffel'S, denn er hatte nur noch ein polnisches Viergrofchenstück nn Vermögen. - „Ich soll Euch > waS zum Besten geben, Landsleut', und daS will, ich." Ueber seinem Kopfe war ein Brett an die Wand angebracht, auf welchem, wie es in den Dorfstuben gewöhnlich ist, einige Geräthe und Andachtsbücher lagen. Joffel faßte schnell nach einem der Bücher und glaubte die Bibel gefaßt zu haben. Es war aber ein anderes Buch Kober's Krbinetsprediger, ein Buch, welches in damaliger Zeit, in den christlichen Gemeinden Sachsens und Thüringens vielen Anklang und "in allen Ständen Leser gefunden hatte. Joffel schlug, daS Gestcht geröthet und erhitzt, aber mit festen Händen das Buch auf. „Da ist Etwas zum Besten für Euchliebe Landsleute, gleich beim ersten Wurf." In der Stube verbreitete sich eine andächtige Stille; selbst die Eintretenden blieben ruhig und verwundert stehen. Jossel fing an zu lesen: „Soldaten können nicht tugendhaft leben. Im Kriege muß man Alles mitmachen. Wer sagt das? — Saufen und Raufen, Huren und Buben, Fluchen und Stehlen, Rauben und Plündern ist unser Bestes. Soldat, Sla tod, so heißt unser Name mit Versetzung der Buchstaben. Siehe an seden Buchstaben unsers Namens. Heißt es nicht: SOLDAT, 8chlägt 0hn Langen visputat Xlles 'kod? Nicht gut. Die Kriegsdisziplin lehrt euch dies nicht. In gerechter Sache sollt ihr wol den Feind schwächen, den Unschuldigen und Gerechten aber nicht erwürgen. Euer Name heischet ein Anderes von euch. Was denn? Frischen Heldenmuth im Streit. Tapfere Dienste. Jede Buchstaben rufen euch'gleichsam zu: Streitet Ohne Leid, Dient ällerzeit ll'apfer. Ein tapferer Soldat hat die Eigenschaft des Knoblauchs. Diesem wächst der Saft bei abnehmenden Monden. Beherzt! der Sieg ist nicht verscherzt. Vielleicht lauft die Aktion so ab, daß du sagen wirst: Jene verließen sich.auf Wagen und Rosse, wir gber dachten an den Namen des Herrn unsers Gottes; sie sind nun niedergestürzt, wir aber stehen aufgerichtet! Psalm zum zwanzigsten. Rufest du dann: Viktoria! so setze bald darauf daS Gloria! Gott sei Dank, der unS den Sieg gegeben hat." ' Jossel brach den Sermon ab mit richtigem Takte, nicht länger die Geduld seiner Zuhörer auf die Probe zu stellen, die ihm in wahrer Andacht zugehört hatten.. -WaS hilft eS mir, dächte der Schriftsetzer, daß ich zweimal den ganzen Talmud gesetzt habe, der Joffel kann nur deutsch lesen und er bezwingt die ganze preußische Armee damit. Denn von-allen Seiten mußte Jossel Beifall hören. „Der Jude liefet gut," sagten Viele. „Der Kerl, könnte Feldprediger werden, er macht'S besser wie unserer," meinte ein Jäger. „Dummbart," erwiderte ein Pommer, „eiri Jud' Preester, det geiht nicht." „He mütt' sich döpen laten!" sprach ein Altmärker. „Een gedöpelter Jud — Priester?" sagte'langdehnend ein Mellenburger. v „Warum daS nicht?" fiel ein Thüringer ein. „Zween Stunden von meinem Dorfe ist ein Prediger, dessen Kirche ist Sonn- und Festtag voll. D er war ein Judenfchächter und Kantor, aber ein hochgelahrter Kerl, und ward von einem Pfarrer bekehrt. Er war aber bei der Judengemeinde von Plundershausen. Und einst in der Juden langen Nacht, nachdem er ihnen den ganzen Tag noch heiß und laut vorgebetet, stellt er sich hin und erklärt der Gemeind', daß er zum wahren Glauben sich bekehrt hätte, und im Augenblicke trat das ganze Konsistorium, ein und führte ihn in die Kirche und er wurde bald Priester," „NikS da mit solch' Ueberläufer," schrie hier ein Schlesier. Jossel kam bei diesen Worten aus seinem Winkel hervor. Sein Erfolg hatte ihn n.och muthiger gemacht. Von dem KabinetSprediger in rhetorisches.Feuer versetzt, hatte er sich zu der Höhe, emporgeschwungen, selbst einen „K05 ber" zu machen. „Der Landsmann hat vollkommen Recht," sagte er, „obgleich ich dem thüringischen Herrn Pastor und früher» Schächter nicht zu nahe treten will." (Fortsetzung folgt.)^ - - --