Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 2 (5.1.1852)
- Date
- 1852-01-05
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
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14 Ich will den Äser weder mit meinen Erlebnissen, noch mH meinen Erfahrungen behelligeu. Jepe. waxer, Wechsels voll genug/ Diese mannigfaltig. Aber siehe! trotz jeuem ^ch^l'ÄÄ'^ieser 'Mchinkgfaltigkekt stehe ich' noch hiüte auf demselben Boden, wie damals, auf dem viertausendjährigen Boden des Judenthums, dessen Lehre zu durchforschen, auf dem Boden der.jüdischen Literatur, welcher die Kräfte zu widmen, auf dem Boden der Gemeinde, in welcher das Wort zu verkünden ist. Was der zwanzigjährige Jüngling mit cher Flgmme der Begeisterung ergriffen, mit milderm Feuer, aber mit größerer Ausdauer und Besonnenheit hält es der vierzigjährige Mann als Inhalt seines Lebens fest; was damals mit den Flügeln der Phantasie, wird jetzt auf den Armen der Spekulation getragen, und die einzige Sorge ist nur, daß über alles dies daS Herz nicht erkalte, ohne welches die Phantasie wie die Spekulation sich „treibt", aber nscht schafft. Wer aber also nach vielen Jahren und Veränderungen sich immer noch auf demselben Pfade erkennt, Die brauchte der anzunehmen, daß er, was seines Lebens Ge.sammtheit betrifft, irre gegangen? Der Wegweiser auf seiner Straße sagt ihm: „Gehe weiter, und ermüde nicht!"... Was der Rückblick auf die verflossenen zwanzig Jahre allerdings lehrt, ist, dqß der Moment, in welchem wir stehen, insofern., ein mißliche; ist, als die zivjlisirt? Welt, und die Jpdenheit in ihr, für die geistigen Strebungen sehr erkaltet ist. Sie hatte sich vor zwanzig Jahren in vielen Hoffnungen sehr übernommen; sie Hatte sich selbst überschätzt, und in dieser Selbstüberschätzung zu Zielen zu kommen geglaubt, in kürzester Zeit zu kommen geglaubt, welche alle Uebelftände, die ein langes geschichtliches Leben immer mit sich bringt, wie jedes längere Leben, selbst inmitten der Gesundheit, Residiza anhäuft, die zu krankhaften Ausbrüchen veranlassen, überwinden würden; sie hatte ihre Jetztzeit als hie höchste der Entwickelung und Begründung angesehen — und für dieses Uebermaß mußte sie eine Enttäuschung treffen, welche nun augenblicklich abkühlend wirkt. Es fehlt ihr jetzt die flammende Hoffnung, die Begeisterung, das anspornende Gefühl naher Erfolge. Bedauern wir dies nicht, so sehr wir es empfinden. Die Weisheit kommet durch Schmerzen, und wenn es wahr ist, daß auch das Judenthmn unserer Zeit berufen ist, sich von Neuem unp für eine lange Zukunft sestzusetzen und festzugestalten, so halten wir uns überzeugt, daß es ebeu der Erfahrungen per maunigfalligsten Art bedarf, daß Solches, gelinge. Nur darf man . nicht irre werden; daS überlaffe man denen, die m dm Mg hineinleben; nur darf man nicht irre werden , paß unsre. Zeit wirklich diesen Perus habe; nur darf man von aI den entmuthigenden Erfahrungen über die Wirksamkeit - im Judenthüme, über daS Streben und Erreichen in ihm nicht weichen, sondern ihnen die starke Mannesbrust entgegenstellen, und da wieder beginnen, wo man stille gestanden, 'und da weiter spinnen, wo der Faden aus der Hand geglitten. .. . Das, liebe Glaubensgenoffen, rufe ich Euch heute zu, das rufe ich insonders allen denen zu, die in den dreißiger uud vierziger Jahren die Sache des Judenthums im Großen und Kleinen, in der Gesammtheit und in der Gemeinde mit so vielem Eifer und Feuer ergriffen hatten, und nun seit Jahren still schweigen und müßig sind! Was ist Äusdauer? Die ausdauert, und wenn sie sich einsam und allein sieht, und wenn sie das Feuer erloschen steht in denen, die mitgestrebt, mitthätig gewesen — wisset, es ist noch Biel und in Vielen vorhanden, was geweckt für das Judenthum streben und eifern wird. Ihr glaubet es nur nicht, weil Ihr es nicht sehet. Und so habe ich auch heute kein andres Wort, als jüngst: Aus dem jüdischen VylMeheu. Briefe an Michel Moses.*) 1. ■ ... Mein lieber Michel! Habe mit großem Bedauern vernommen und gesehen, daß Dir Dein treues Weib, die brave Rosa, gestorben ist. Wie sie den Sarg aus Deiner Behausung trügen, auf die Bahre selten und nun die barmherzigen Brüder damit langsam sortgingen, Du aber/ lieber Michel, so betrübt und gebeugt, Deine zwei Kinderchen an der Hand, hinterher schrittest, da folgte ich eine Strecke dem Leichenzuge und sah Dir lange nach, denn ich war zu wehmütig gestimmt, um bis an die Grabstätte zu folgen; kommt auch nicht darauf an, ob Einer mehr oder weniger mitgeht. Ach , und wie dauertest Du mich' erst, lieber Michel, als Du vorgestern, am Freitag Abend, ganz einsam am Fenster des Tempels draußen standest, wie' es Sitte ist der Leidtragenden, und wartetest bis der Mb- *) Der Zweck dieser Briefe und ihrer Mitteilung wird aus dem Verfolge erkenntlich werden. Später - wird es dann sich ergeben, ob die Kundgebung, aus welcher Mer sie geflossen, Interesse Hat. ' Reväkkion.