Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 50 (8.12.1851)
- Date
- 1851-12-08
- Page
- Seite 599 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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§99 ter und Chirurgen hier zu sehen. Zwar runzelte er die geschwollene Stirn , als ihm der Bürgermeister die Absicht des böhmischen Judenschusters eröffnete und ihn bat, das Gesuch mit einem Attest zu bekräftigen, daß ihm, dem Altmeister, die Niederlassung des Juden zweckmäßig schiene; zwar meinte er, er könne solchen Tort doch unmöglich dem Gewerke thun, obgleich dies sich gestern sehr gegen ihn vergangen hätte, aber das Runzeln der Stirn war doch noch zu schmerzhaft, um seinen Groll über die erfahrene Unbill nicht aufzuwecken, und seine Meinung wurde beträchtlich durch das biedere Entgegenkommen des Böhmen und durch das frreundliche Anerbieten gemäßigt, ihm treulich im Gewerke beizustehen und bei Ueberfluß an Arbeit billig und rasch aüszuhelfen. Das Attest wurde ausgefertigt, die drei Verschworenen trennten sich, nicht ahnte die Innung, welches Gewölk sich an ihrem Horizonte aufthürmte. Jossels Vater ließ Frau und Kinder im Gasthof „zur Grenze" zurück und machte sich auf nach der sieben Meilen entfernten Haupt- und Residenzstadt. Es war freilich an einem Fasttage, am zehnten Tage des Monats Lebet, an welchem Tage vor Zeiten die Belagerung von Jerusalem ihren Anfang nahm, aber der Bürgermeister hatte dringend darauf bestanden, sofort abzureisen, ehe noch der Altmeister es der Frau Altmeisterin u. s. w. mitgetheilt hätte,, und so mußte der Schuster gehorchen. Mit großen Schritten eilte der riesige und starke Mann bei starker Januarkälte und schneidendem Nordwinde, der ihm das frische, männliche Gesicht noch mehr röthete, über Berg und Thaldurch Städtchen und Dörfer. Er hatte einen derben, langen Knotenstock in der Hand, die hohe Pelzmütze auf dem Kopfe war vom Reife des Himmels garnirt, der Rock war nicht zerrissen und hielt warm, er reichte bis an die Knöchel und war sehr weit und ohne Taille und Knöpfe, durch einen Gurt zusammengehalten; eine rothe Tuchweste ging bis über die Mitte des Leibes und begegnete fast über den grünen, manchesternen, kurzen Hosen den langen, wasserdichten Fischerstiefeln. Eilig, wie gesagt, schritt er fort, wenig achtend der schönen Winterlandschaft, der schneebedeckten Berge, der immer grünen Wäldchen; er dachte an die Belagerung von Jerusalem durch den Tyrannen Nebukadnezar einmal, und durch den Bösewicht Titus das andere Mal, dann wieder an sein Weib, seinen Josserl und sein Hannerl, die einsam in Sammetloch saßen und auf ihn harrten, er dachte an das große Werk, was er vor hatte, an die Schwierigkeiten, die ihm bevorstandenan die Rede, die er dem mächtigen Fürsten halten wollte, von deffem Herzen und von dessen Lippen sein und seiner Familie Schicksal abhing; er dachte an die vier Gulden, die noch sein einziges Vermögen ausmachten und mit denen noch so Großes und so Vieles zu bestreiten war; er dachte endlich an gar Nichts, als an seinen fastenden Magen und an den, der ihn zu fasten und zu leiden und zu arbeiten gebot, der aber auch speisen, heilen und helfen konnte und — gewiß würde. Die kalte Luft und das helle Wetter erheiterten auch sein Gemüth. Er war mit sich zufrieden. Es steht ja im Talmud: „Lerne ein Handwerk." Das hatte er gethan. „Erwirb dir einen Freund!" Er hatte deren zwei am Bürger- und Altmeister gewonnen. -Es steht in der Schrift: „Vertrau auf Gott!" und wahrlich daran fehlte es ihm nicht, er zweifelte fast nicht am Gelingen seines Vorhabens. Das hatte er ja schon beim Uebergang über die Grenze und den Jordan laut verkündet. So kam er an's Thor der Hauptstadt. Es war schon sehr spät am Abend, er meldete sich beim Thorschreiber und zeigte seinen Paß. „Ist Jude," rief ihm dieser zu, „und zahlt einen halben feinen Gulden Leibzoll."*) (Fortsetzung folgt.) *) Leibzolt wurde von reisenden Juden erhoben, als wären sie Vieh. In Frankreich wurde derselbe 1784 aufgehoben, in Preußen 1787 von den einheimischen Juden, in den kleineren deutschen Staaten erst unter der Fremdherrschaft. Anm. d. H. Anzeiger. In demselben werden Annoncen aller Art gegen l V« 'Ngr.(1 gGr.) Gebühren für die gespaltene Zeile aus Petitschrift oder deren Raum so wie literarische, merkantile u. a. Beilagen ausgenommen. Die Verlagshandlung. Offener Kantor- und Lehrerposten. Ein verheiratheter Kantor und Retigionstehrer jüdischen Glaubens, der gleichzeitig im Stande ist Knaben für die mittleren Klaffen des Gymnasiums vovzubereiten, findet zu Weihnächten c. hier ein Unterkommen. Der feste Gehalt beträgt außer einer Wohnungsentschädigung jährlich 300 Thlr. Qualifikationsfähige Bewerber belieben sich unter portofreier Einsendung ihrer Zeugnisse an den Unterzeichneten Vorstand zu wenden. Namslau, den 11. November 1851. Der Vorstand der israelitischen Gemeinde.