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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-09-01 · Heft 36 (1.9.1851) · p. Seite 431

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 36 (1.9.1851)
Date
1851-09-01
Page
Seite 431 (sequence 11)
Language
German
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431 Aufgeklärten immer schroffer entgegen. Daher ihre Klagen über Vernachlässigung und Anfeindungen, über Unglauben und Verwerfen, je siegreicher die Wissenschaft ihr Haupt erhob. Religion soll und darf nur Ueberzeugung sein, wenn sie Bestand haben will, muß unser innerstes Bewußtsein ausdrückcn, Geist und Gemüth zugleich befriedigen und daher selbstredend in die neuen, lichten Anschauungen, in die Resultate der Forschungen auf natur- und weltgeschichtlichem Boden selbst eingehcn und sich durch diese zu begründen und zu verjüngen suchen. Dagegen kommt die sogenannte streng- und rechtgläubige Partei, ja sogar manche sich denkgläubig Nennende der Kirche sowol, als der Synagoge mit der Forderung des blinden Glaubens, des Dogma's; die Synagoge zwar scheinbar nicht, indem sie keine Artikel, keine Sakramente, keine symbolischen Bücher kennt, aber in der Wirklichkeit dennoch, indem sie die Ausübung von Gesetzen und Vorschriften verlangt, welche eine Anerkennung ihrer Satze, aus denen jene gefolgert werden, stillschweigend und nothwendig voraussetzt. So entfernt man sich, gestützt, gestützt auf das Zeugniß der Wenigen, die sich noch mit dem bloßen Glauben, mit dem dumpfen Hinnehmen begnügen und denen wir ihren Schatz nicht nehmen wollen, von dem klaren Gedanken der Religion, sie stößt ab, statt zu gewinnen, wird eine Fessel, von der man sich entweder eigenmächtig befreit oder doch befreit sehen möchte, und verbittert das Leben ihrer Bekenner, statt es zu erleichtern und zu erheitern, weil sie Satzungen und Forderungen, welche für Andersdenkende, Andersfühlende unter anderen Zonen, Verhältnissen und Zeiten, ja in einer steten Absonderung und Jsolirtheit lebenden Menschen vielleicht sehr angemessen waren, auch noch an das Heute stellt und so mit ihm in einen traurigen Konflikt gerath. Es ist aber schlechterdings unmöglich, diesen Zwiespalt zu heilen, alte Lehre und junges Leben mit einander zu vereinigen und auszusöhnen, so lange man sich auf Autoritäten beruft, die niemals Solche gewesen noch sein können, um eine immer nur halbe Reform zu rechtfertigen, die, weil man nun einmal der Zeit nicht ganz widerstehen kann und einsteht, daß es anders werde und werden müsse, und die, um nur Etwas zu thun, nachhinkt mit ihrer Konnivenz und sich mit einer Aeußerlichkeit schon begnügt, keineswegs eine unentbehrlich gewordene, totale, innere Umwandlung bezweckt. Wir leben in der Zeit der Kritik, der wir, gut oder übel nicht entgehen können; das vornehme Jgnoriren der Gegner nützt noch weniger, schadet nur, wie jegliche Stabilität zur gänzlichen Sragnkrung führt. Daher lerne man vom Feinde, wenn wirklich ein solcher vorhanden, und wir nicht selbst unsere ärgsten Feinde sein wollen, was man muß, nehme die Philosophie zur Hilfe, appellire an den denkenden Geist. Die Religion beweise sich in ihrer Wahrheit, ihr Diener werde Lehrer, die Kanzel auch ein Lehrstuhl." So weit der Vers. Mit diesen Beweisen der Wahrheit der Religion, ist es aber, nach unsrer Meinung, schlecht bestellt. Weder das Dasein Gottes, noch die Unsterblichkeit der Seele, die Grundlagen aller Religion, können verstandesrecht bewiesen werden. Wirsprechen hier nicht vom philosophisch verstand'esrechten Beweise, denn was den Philosophen heute verstandesrecht ist, ist ihnen vielleicht nach etlichen Jahren verstandeswidrig; sondern wir sprechen von einem solchen Beweise, dessen Bündigkeit jedem gesunden, unverkünstelten Verstände einleuchtet und der ihn wirklich überzeugt, wobei man sich wohl hüten muß, den überzeugenden Beweis mit dem dialektisch unwiderlegbaren zu verwechseln. Selbst Kant hat keinen verstandesrechten Beweis des Dasein Gottes und der Unsterblichkeit der Seele geben wollen. Er hat Nichts Fremdartiges in uns hineindemonstriren, sondern uns (durch seinen praktischen Beweis, den moralischen Glauben) blos darauf aufmerksam machen wollen, daß der Glaube an das Dasein Gottes und an die Unsterblichkeit der Seele in uns selbst liege, einzig aus unsrer eignen Sittlichkeit hervorgehen könne. In der Liebe, dem Gegensatz alles Irdischen, Egoistischen, der Liebe, die Theil unsers geistigen Wesens ist, in dieser liegt der Glaube an eine höchste, ewige Liebe, die uns nicht verlassen, noch versäumen wird. Ja, dies wird auf dem Wege der Beobachtung bestätigt. Wer sich selbst ohne vorgefaßte Meinung beobachtet, der wird bald gewahr werden, daß die Liebe in ihm und der Glaube an eine Urliebe eine Einheit ist, und daß sich kein Syllogismus zwischen Beide schiebt. Dieser Glaube geht aus dem Menschen selbst hervor, ec ist eine Einheit mit der Liebe, erglühet, wo die Liebe erglühet, erkaltet, wo die Liebe erkaltet. Das Judenthum als „positive" Religion erkennt dies auch an und die heil. Schrift läßt sich nirgends auf verstandesrechte Beweise ein, sondern baut ihr Reich Gottes aus diesem in dem Innersten der menschlichen Natur liegenden und im Volke Israel durch die Inspiration seiner erhabenen Lehrer und Propheten verkündeten, verbreiteten und erhaltenen Go ttesglauben. Der trockne, schale Rationalismus mit seinen immer geforderten Be-

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