Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 20 (12.5.1851)
- Date
- 1851-05-12
- Page
- Seite 230 (sequence 2)
- Language
- German
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23V polnischen Bauer in den kaukasischen Urwald, und den tscherkessischen Reiter an die Ufer der Weichsel sendet/ vor dem der kümmerliche Ostjake wie der reiche Tartar der Krimm erzittert. Fahren wir nicht fort, das Gemälde zu zeichnen, ein Jeder kennt es ja. Wie viele Flüchtlinge sind schon an der Küste Albions gelandet, um dort frei und ungehindert ein neues Leben in Geschäftigkeit und Fleiß zu beginnen? Auf dem Weltmarkt fehlen auch die Söhne Juda's nicht. Seit den noch nicht zwei Jahrhunderten, in welchen denselben der Zugang zu der mächtigen Insel wieder geöffnet ist, haben sie sich dort geräuschlos gesammelt, und ihrer sind viele geworden. Ihnen fehlt da Nichts an den Rechten des Bürgers, als daß der Palast der Gesetzgebung sich auch Männern ihres Glaubens eröffne; die Nation will es, denn sie hat einen Solchen gewählt, und der Widerstand kann auch hiergegen nicht lange mehr dauern. Aber wenn irgendwo, haben die Juden Englands gezeigt, daß der Glaube Israels Keinen seiner Bekenner verhindert, dem Volke sich ganz anzuschließen, das ihn ausgenommen. Die eingeborenen Juden Englands sind Engländer im vollen Sinne des Wortes, in ihrem Charakter, in ihrer Richtung, in den Vorzügen und Nachtheilen, den Licht- und den Schattenseiten ihrer Bildung und Natur. Hier waltet das Praktische vor, und die Theorie und Lehre bleibt zurück; hier das Hangen am Alten, Hergebrachten, weil es so ist, neben der Selbstständigkeit des Urtheils; hier die Abgeschlossenheit neben der Anerkennung. Und so der Engländer überhaupt. Ihm ist die Uebung eines uralten Gebrauchs kein Gegenstand des Spottes, des Verlachens: es ist Gesetz, und dem Gesetz beugt sich der Mann, das Gesetz kann nur die Gesammtheit, nicht der Einzelne verändern oder abschaffen. In der Laubhütte des Sir Moses Montesiore frühstückten die Minister Ihrer Majestät und der König der Belgier. Und obgleich Sir Moses noch eine Laubhütte baut, und sicherlich genau nach den Vorschriften des Schulchan Aruch, wurde er doch von Ihrer Majestät unter die Barone des Reiches ausgenommen. Aber von den Straßen St. Petersburgs sind die Juden ausgeschlossen. Ob auch über anderthalb Millionen Juden das russische Reich bewohnen, durch die Thore jener drei Hauptstädte dieses Reiches, des neuen Petersburg, des alten Moskau und des heiligen Kiew dürfen sie nur ausnahmsweise, mit besonderer Eclaubniß schreiten. Und wie von den Hauptstädten, so sind sie auch ausgeschlossen von dm bedeutendsten und zahlreichsten Provinzen. Enggedrängt dürfen sie nur wohnen in den westlichen Landschaften, wo sie unter Polens Zepter sich einst gehäuft, und auf einem schmalen Südstreif, den das Schwarze Meer bespült. Allerdings dürfen sie nicht allein, sondern müssen in allen Provinzen in dem Heere dienen, und in der Nähe Petersburgs ankern die Schiffe, zu deren bester Bemannung Juden gehören — aber wohnen dürfen sie und ihre Ellern auch um diesen Preis nicht da. Dienen, aber niemals befehligen. Und wenn der Engländer Jeglichen achtet in seinem Brauch, und es natürlich findet, wenn er seinen Glauben konservirt: so ist es Rußlands wesentlichstes Streben, wie Einer weltlichen, so auch Einer geistlichen Herrschaft Alles zu 'unterwerfen, und die Juden durch ihre Bedrängnisse zum Uebertritt zu zwingen. Weiß die Regierung des Czaaren nicht, daß die gefährlichste Masse die zu einer andern Religion — nicht freiwillig übergetreten ist? ... Hiermit ist aber Alles erklärt, und der Blick, der zu gleicher Zeit auf die Söhne Englands steht, welche den jüdischen Glauben bekennen, und auf die Juden Rußlands — der faßt es, wie verschieden das Loos der Menschen auf Erden, wie verschieden die menschliche Gesellschaft, wie verschieden die Verhältnisse der Letztem — und das Alles besteht nebeneinander.... (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten. Deutschland. München, 1. Mai. Wie die Mg. Ztg. des Jud. leider! in der letzten Zeit fast Nummer für Nummer wieder über irgend einen Schritt, der unsere Glaubensgenossen in die drückendste Stellung zurücksührt, zu berichten hat, so auch von hier. Die Augsb. Abendz. meldet vom 26. v. M.: In der gestrigen Magistratssitzung wurde eine königl. Regierungscntschließung bekannt gemacht, wonach über die bisherige, altherkömmliche Matrikelzahl der hiesigen Israeliten fortan keine Aufnahme in den Gemeindeverband mehr stattsinden darf. Dieser Beschluß fand bereits seine Anwendung, indem der israelitische Buchhalter Löwenfcld aus Kriegshaber, ein Mann mit bedeutendem Vermögen, mit seinem Ansässigmachungsgesuch abgewiesen wurde, weil gegenwärtig eine „Judenmatrikel" nicht erledigt ist.