Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 11 (10.3.1851)
- Date
- 1851-03-10
- Page
- Seite 131 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3225714-3225726--11614-3241730- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
131 nun an kernen Fuß Ln das Hms des Grafen setzen würde, daß, wenn er Diamanten kaufen wollte, er sich an Andere wenden müßte. „Ich» billigte das; der Graf war als ausschweifend bekannt, der Ruf einer jungen und schönen Frau lief bei ihm Gefahr, selbst wenn sie unschuldig war. Noch heute weiß ich nicht, wie er die Gelegenheit wahrgenommen hat, sie wieberzusehen; ec wird mit ihr gesprochen haben und unter dem Vorwände, daß er von ihr die hebräische Sprache lernen will, hat diejenige, welche über meine Ehre wachen sollte, ihre heiligsten Pflichten vergessen, ihr Kind und ihren Gatten verlassen, geht in jeder Nacht aus meinem Hause lind häuft Schande auf den Namen, den die Welt so lange geachtet hat." Der Greis verbarg sein Gesicht in den Händen und fuhr nach einigen Augenblicken fort: „Dmie nicht, daß ich mein Auge dazu schloß. Ich habe nmne Pflicht als Gatte undBatec erfüllt, ich habe ihr Vorstellungen gemacht, doch weder mein Zorn noch meine Thränen richteten Etwas cius. Die Schamlose verband Heuchelei mit Sittenlosigkeit. Nach ihrer Aussage hat der Graf, durch ihre Tuzenden und Reden gerührt femen Jrrthum eingesehen, und studirt die Glaubenssätze unserer Religion, die ihm bis dahin nur aus lügnerischen Berichten bekannt waren. „Eiu.es Tages ließ ich mich dom Zorn dahinreißen, ich ergriff ein Messer und würde sie getödtet haben, hätte sich Notinie nicht zwischen uns geworfen und mit ihrer Stirn den Stoß aufgefangen, der das Herz ihrer Mutter treffm sollte. Das arme Kind» fiel in Blut gebadet zu Bodm. O, da sah ich, daß der Herr mich verlassen hatte. Ich war zu stolz auf meinen Ruhm gewesen und meinr Stolz empfing die Strafe, die er verdiente. Ich ergab mich darein. Ich wollte arbeiten, aber meine thranenfeuchten Augen konnten weder lesen noch schreiben. Ich wollte im Schlaf Vergessenheit meines Schmerzes suchm, der Schlaf floh mich. Jetzt endlich berausche ich, der ich bis dahin keinen Tropfen Wein getrunken hatte, mich in den stärksten Getränken, um mich zu betäuben, um zu vergessen. Und Noemie, die Du für schuldig hieltest, deckt als ein hüliger Märtyrer einen Schleier über die Schmach ihres Vaters und die Verbrechen ihrer Mutter. Sie lenkt die Schläge des Hasses und des Neides auf sich, zicht eine Schranke zwischen meinem Hause und der Welt, ui« den alten Ruf, den wir nicht verdienen und der unsirn Ruhm ausmachte, rein und unverletzt zu erhalten. Sie hat mir ihr Leben geweiht und wird nicht heirathen, so lange ich lebe. Aber verzichte nicht auf Dein Glück, mein Sohn, meine Tage sind gezählt, bald wird sie ihrer freiwilligen Sklaverei ledig sein. Was fa tut ein Gelehrter nützen, der tiefer als der Letzte der Unwissenden gefallen ist, was ein Rabbi, der sich vor den Alicen seiner Nebenmenschen verbergen muß, was ein Geistlicher, der, um Sem Unwillen und der Verachtung zu entgehen, das Opfer seines Kindes anznnehmen genöthigt ist. „Höre mich," fügte der Greis in einem Tone, der seinen festen Entschluß anzeigte, hinzu: „Dieser Zustand kann nicht länger d»uern. Schon nichreremal habe ich Nachts finstere Gestalten um mein Hrus schleichen sehen, als wenn sie ihre Beute betrachteten. Mein Schmerz hat aufgehört, Gehei mniß zu sein. Auch schäme ich mich meiner Schwäche uird mit der Hilfe des Herrn werde ich dem ein Ende machen. „Dir, mein Schn, vertraue ich tmein Theuerfles auf der Welt, meine ToHler und meine Arbeiten. Du wirst der Waise, die mir ihre Jugend geopsrert hat, als Stütze dienen, Du wirst diese Papiere ordne« und meine Forschungen fortsetzen." „Mein Vater, wir werden diese edle Aufgabe zusammen lösen," sprach Kleiner erschreckt, nndem er eine düstere Absicht bei diesem zur Verzweiflung getriebenen Manne fürchtete. „Mein Entschluß ist gefaßt," verletzte Goldberg und erhob sich mit einer Energie, deren man ihn nicht für fähig gehalten haben würde. Morgen werde ich in der Nacht nach Werki petzen ... ich wnrde in das Schloß dringen und sie überraschen ... ich n-^rde zu dem Grafen sprechen, nicht wie ein niederer Ir de zu einem Edlen spricht, sondern wie -ein beschimpfter Gatte, wie ein erzürnter Vater, wie Israel zu seinem Unterdrücker sprechen muß. „Und wenn Du willst, daß ein Märtyrer Dich in seinen letzten Augenblicken segne, so l^ß Noemie Nichts von meinem Entschlüsse merken, wache über sie, wie ich selbst über sie gewacht haben würde, wenn ihre Mutter das Herz ihres Gatten verwundend wicht auch zugleich den Vater Noemie's getödtet hatte." Er rief Noemie, schloß sie an sein Herz und segnete seine Kinder, als sähe ec sie zum letztem Mal. Ein leises Geraa sch ließ sich unten an der Thür hören und unterbrach diese Szene. Kleiner zog sich zurück.