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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-02-24 · Heft 9 (24.2.1851) · p. Seite 98

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 9 (24.2.1851)
Date
1851-02-24
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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98 Welche, die eine so merkwürdige Vorausschickung immer noch für tus Werk des Zufalls halten werden. Aber wie nun, wenn wir ein ganz Gleiches auf dem religiösen Gebiete bemerken? Mit dem Falle des Tempels fiel das Nationalheiligthum, der Fokus des religiösen Lebens Israels. Wie sich, nach, dem Falle Jerusalems alle Glieder der Nation über die Lander zerstreueten, so hätten auch die Glieder des israelitischen Religionskörpers, nachdem der äußere Träger zerbrochen in den Staub gefallen, im Geiste sich zerstreuen muffen nach allen Gebieten hin. Aber nicht so. Lange vor dieser Katastrophe, Jahrhunderte früher, sehen wir neben dem Tempel aus einem neuen, großartigen religiösen Bedürfniß heraus eine religiöse Institution entstehen, welche, als der Tempel fiel, schon zu mächtigem Stamme erwachsen, die Religionsgemeinde in ihren Schatten, ihre Pflege nahm. So wie die zahllosen Gemeinden die palästinensische Muttergemeinde zwar stets ehrfürchteten, aber doch entbehrlich und ihren Fall erträglich machten; also hatten die an jedwedem Orte entstandenen Synagogen, als die goldenen Zinnen auf Morija bnrch Herodes'Neubau noch einmal einen nie gesehenen .Glanz annahmen, schon längst den Tempel entbehrlich, seinen Fall erträglich gemacht. Ja, wollen wir noch tiefer blicken, so wie die Zerstreuung der Juden in der bald einbrechenden Periode der Weltgeschichte (man denke an die Völkerwanderung, an den Einbruch der mohamedanisch-arabischen Heere, der Seldschucken, Turkomanen, an die Kreuzzüge —) das einzige Mittel war, sie als den einzigen Ueberkömmling des Alterthums zu erhalten: so war auch die, schon in Palästina entstandene Synagoge vermittelst der neuen Geistesentwickelung in ihr das einzige Mittel, das jüdischreligiöse Leben zu erneuen und auszurüsten zu einem neuen anderthalbtausendjährigen Kampfe. So geschah es, daß der Fall des Tempels, daß das Aufhören des Opferkultus die religiöse Existenz der Juden nicht allein nicht erschütterte, sondern nicht einmal durchzuckte. Ueber den Ursprung der Synagogen herrscht Dunkel. Wir kennen ihren Beginn nicht. Der beste Beweis, daß sie aus einem innersten Volksbedürfniß wie von selbst hervorgingen. Aber erklären können wir ihren Ursprung leicht. Wir haben gesehen, daß durch die musikalische Institution Davids mit dem Opferkultus sich ein neues Element verband, das die eigentliche Bedeutung desselben verdeckte. Wir konnten uns dies aus dem Bedürfniß erklären, daß, nachdem durch die Entwickelung des Verstandes die symbolische Mystik zersetzt war, der Geist keine wahrhafte Befriedigung am bloßen Opferkultus mehr fand, ihn als überkommene Form ehcfürchtete, aber durch Wort und Ton eine, jetzt allein angemeffene Erregung verlangte und erlangte. Nachdem nun Juda aus Babylonien zurückgekehrt, und der innerste Sinn des ganzen Volkes auf die ererbte, jetzt erst mit ganzem Herzen erfaßte Lehre und das Gesetz sich gerichtet hatte, mußte ein neues Bedürfniß eintreten. Erstens äußerlich: die, fast im südöstlichen Winkel des Landes gelegene einzige Kultusstatte, zu der man zwar dreimal im Jahre pilgern sollte, was aber doch Vielen nicht und Allen nicht immer möglich sein konnte, konnte dem mit Macht erwachten religiösen Leben nicht mehr genügen, ein Jeder wollte für die ganze Zeit eine Stätte in der Nähe haben, darauf er an Gott im Geiste herantreten konnte. Zweitens innerlich: der erwachte religiöse Drang, namentlich da er ein überkommenes Schriftwerk zu seinem Mittelpunkte hatte, mußte auf religiöse Belehrung dringen, und religiöse Belehrung zieht unmittelbar das gemeinsame Gebet, den Ausdruck der empfangenen religiösen Befruchtung, nach sich. So entstanden wahrend des zweiten Tempels überall im Lande Lehrstatten, nOiS ^ra Versammlungshauser, Synagogen, die bald auch Betstatten wurden natürlich später auch außerhalb des h. Landes, an welchem Orte nur eine Gemeinde sich angessedelt. Im zweiten Seleucidischen Jahrhundert war die Zahl der Synagogen schon sehr beträchlich, Philo der Alexandriner kennt die überall befindlichen Bethauser, z. B. mehrere in Rom. Die Schriften des s. g. Neuen Testaments nennen Synagogen zu Antiochien, Damaskus, Jkonrum, Ephesus, Athen, Salamis, Beröa, Korinth und Thessatonich. So war im Schooße des Judenthums still und ohne Kampf, weil aus unbestrittenem Bedürfniß und ohne gewaltsame Beseitigung des Bestandenen, die zweite große Reform vor sich gegangen: die erste die musikalische Institution Davids, die zweite die Synagoge. Mit der Erstem war die Symbolik des Opferkultus gefallen, mit der zweiten fiel der Opferkultus überhaupt. Dies Letztere bedeutet aber einen so tiefgreifenden Umschwung im innersten Geiste der Religion, daß wir noch einenAugenblick dabei verweilen müssen. Der mosaische Kultus hat durchaus den Charakter der Objektivetat. Er ordnet eine Nationalkultusstatte "nd Nationalopfer an. Das Individuum laßt er in

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