Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 5 (27.1.1851)
- Date
- 1851-01-27
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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58 MitHeilrmgm ans dem Oriente. Briefe aus Jerusalem. I. Sie wollen, mein Theurer, noch Etwas von dem heutigen Zustande der Israeliten in Jerusalem erfahren; Ich bin mit Vergnügen bereit Ihnen das Genaueste mitzutheilen. Aber wenn ich mit Jeremia zu klagen anfange, so müssen Sie sich darauf gefaßt machen, denn ich wüßte kein besseres Motto als das: „Wen sott ich für dich anrufen, wen dir gleichstellen, Tochter Jerusalems, wen dir gleichstellen, um dich zu trösten, jungfräuliche Tochter Zion? denn groß wie das Meer ist deine Wunde, wer kann dich heilen!" — Kommen Sie mit mir. und ich zeige Ihnen die Frommen mit den gramgefurchten Wangen auf dem Berge Moria sitzend, an der Ruine unsers Gotteshauses, die durch den augenscheinlichen Willen des Herrn allen verheerenden Stürmen der Zeiten widerstand, ein Hoffnungsanker für das schmachtende Herz, ein tröstendes Zeichen von oben: trauernd ob des niedergebrannten Tempels und des langdauernden Exils. Nach achtzehnhundert Jahren ist die Wunde noch frisch und blutend, kein Balsam wehte ihnen in die schwerathmende Brust und wenn nicht der Gedanke an die einstige Größe der Stadt, der Glaube an die wieder blühenden Rosen von Saron und Eschkols Reben sie belebte — wie Ln den Zeiten des Titus würden sie Märtyrer werden, und sich allesammt vom Hügel herab Ln die tiefere Schlucht stürzen. — Aber, Sie fragen mich gewiß, warum verschmilzt denn nicht der Schmerz durch der Zeiten lange Furchen? Die Juden im Okzident, die denken doch alle Jahre nur ein Mal, am 9. Ab, an die Trümmer des Staates, sonst steht man ihnen keine Trauer an, ja sie wissen vielmehr die Ursache ihres Exils einem allgemein welthistorischen Grunde unterzuschieben! Da haben Sie ganz recht, mein Theurer. Aber bedenken Sie nur um Himmelswillen welch Unterschied zwischen den Juden im Orient und denen des Okzidents ist. Schreckliche Armuth siehf jenen aus ihren hohlen Augen. Druck und Verfolgung zeugen ihre unruhigen Blicke. Warum sie keine Gewerbe haben, warum keinen Ackerbau, das ist leicht zu begreifen. Gewerbe treiben sehr Viele, aber der Zustand derselben ist so armselig, daß sie damit auf keinen grünen Zweig kommen können. Schuhmacher, Weber, Färber, Schmiede giebt es genug. Aber sie können auch mit dem Schweiße ihres Angesichts nicht ihr tägliches Brod verdienen. Wegen des Ackerbaues, nun da muß ich Ihnen des Dichters Worte zurufen: „Laßt euch nicht irren deS Pöbels Geschrei" — wenn der Bauer des Orients die fruchtbarsten Auen nicht bepflanzt, weil er dem Räuber, dem Beduinen nicht in die Hände arbeiten will, so müssen Sie es dem zartfühlendem Juden nicht zumuthen, daß er seine Hacke in die Hand nehme und damit in die steinigte Erde haue, die vielleicht nach einigen Jahren Etwas hervorbringt. Ueberdies würden die Türken, die Fella's, die Beduinen ihm gewiß keine Zwiebel auf dem Felde übrig lassen. Also darum, mein Theurer, sprechen Sie mir Nichts mehr vom Ackerbau. In zivilisirten Staaten, wo ein Jeder ruhig auf seinem Weinberge sitzen kann, da soll der Israelit, wie der alte Barde, Wälder zu Kornfeldern umwandeln, aber in unsicheren Wohnplatzen, da soll er in Gottes Namen sehen wie er sein Leben fristet. Die Abgaben unserer Gemeinde sind auch so groß, daß Sie staunen, wenn ich sie Ihnen aufzahle. Sie sind unserm Gemeindebuch entnommen, und als offiziell zu betrachten. Es giebt bestimmte Abgaben an höhere und niedere Beamte, welches diese Herren als ererbtes Recht betrachten, ungefähr wie im Mittelalter die deutschen Juden an die Vorsteher und Schulzen, an die Rathsherren und Geistlichen an gewissen Tagen im Jahre ihre Reverenz und Geschenke darbringen mußten. Diese Abgaben machen gegen 59,000 Piaster und blieben sie einmal aus, dann wehe der Gemeinde. Das Leben wäre auf's Spiel gesetzt und von der Gewalt das Schrecklichste zu fürchten. An Straßenwachter, das find Bauern, die keinen andern Beruf haben, als bewaffnet in den Strafen der Stadt und der nächsten Umgegend umherzugehen, damit die Passage sicher ist; an Friedhofwächter, ohne welche der Gottesacker von Thieren und Menschen entweiht würde; an Kanalauffthec, ohne welche der Bosheit freies Spiet gelassen wäre uns die Quellen zu verstopfen oder zu verunreinigen, zusammen 18,000 Piaster. Die Apanageabgabe an den Sultan beträgt 6060 Piaster, was verhällnißmaßig von der Korporation einer Stadt sehr viel ist. Jetzt kommt ein Posten unter den außergemeindlichen Ausgaben der Ihnen Schrecken einflößn wird. Sie wissen, daß der Pietismus der hiesigen Protestanten grenzenlos ist und die Proselitenmacherei so stark betrieben wird, wie nicht leicht anderswo. Missionäre reisen nach England, Italien, Amerika rc. und locken arme Judenseelen nach der gläubigen Stadt, ihnen das Abenteuerlichste vorplaudernd und vorgaukelnd. Verlockt durch die