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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-12-16 · Heft 51 (16.12.1850) · p. Seite 694

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 51 (16.12.1850)
Date
1850-12-16
Page
Seite 694 (sequence 2)
Language
German
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694 gegenüber, so wie in denselben die Betrachtung der Natur eine entgegengesetzte war. Die erste Zeit hüllt sich in das Dunkel der vorgeschichtlichen Epoche; der unentwickelte Mensch sah in der Natur nur einzelne Erscheinungen, er gewahrte nur Wirkungen, denen er als Ursache eine Kraft, einen Willen zuschreiben mußte; da er aber den Zusammenhang aller natürlichen Erscheinungen und Wirkungen nicht begriff, da er sie nur in ihren Individualitäten zu verstehen vermochte: so sah er auch alle ursächlichen Kräfte und Willen nur vereinzelt an, jede dieser Letzteren war ihm eine Gottheit, erfloß ihm aus einem besonder» göttlichen Wesen. Wir sagten, diese Zeit ist vom Dunkel der vorgeschichtlichen Epoche verhüllt, aber die religiöse Anschauung, die daraus hervorging, reicht tief in die geschichtliche Zeit hinein, beherrschte das ganze Alterthum, und spielte noch in die neuere Welt hinein — der Polytheismus, die Vielgötterei. Dieser entgegen trat die Neiligion Juda's. Das erste Wort der Schrift erklärt die ganze Natur für eine Einheit, aus einem Gedanken, Einem Willen, Einer Kraft, Einem Gott hervorgegangen. Alle die unendlichen Erscheinungen der Narur haben nur Eine Quelle, sind ineinandergeordnet und derselbigen Anlage durch — Gott. Hiermit war die alte Vielgötterei und die alte Naturbetrachtung beseitigt. Als aber am Ende des Mittelalters die Naturbetrachtung sich aus dem Staube der Unwissenheit und des Aberglaubens wieder erhob, als sie allmalig zur Naturwissenschaft wurde, da gebar sie einen zweiten Jrrthum. Die Naturwissenschaft ging auf in die Beobachtung des Materiellen, nur die Beschaffenheit des Materiellen und der Zweck dieser Beschaffenheit wurden Gegenstand der Forschung. Freilich konnte die Naturwissenschaft die ihr von der Religion Israels gebotene Lehre der Einheit der Natur nicht wieder beseitigen, sondern mußte sie zu ihrer Grundidee machen, aber auch selbst die Verfolgung dieser Joee geschah in der Naturwissenschaft nur von der materiellen Seite, und selbst Humboldts weltberühmter „Kosmos" ging über diese Seite nicht hinaus. Es wurde sogar für unwissenschaftlich gehalten, über das Materielle hinauszugehen, und sich endlich die Frage vorzulegen: wie so ist denn nun alles dies und so geworden? Gehet die zahllose Reihe der naturwissenschaftlichen Werke durch, und wenn Ihr dem Worte „Gott" nur irgend begegnet, so wird es ein Wunder sein. Dieser Richtung der Naturbeobachtung und Naturwissenschaft aufs rein Materielle, aus den Stoff und nur den Stoff konnte nichts anderes entsprießen, als der Materialismus, als die Jdentifizirung des Stoffs und des Seins, als die Vergöttlichung des Stoffs, als die Verleugnung des höchsten allursachlichen Wesens, ein zweites Heidenthum. Es hat die Philosophie überwunden und gefangen genommen, es hat die wissenschaftlichsten Geister durchdrungen, und bei der Fülle an oberflächlichen Geistern, die nur von der Opposition leben, und im Verneinen ihre Force haben, und bei der materiellen Richtung, welche den großen Haufen ergriffen hat, feiert dieses Heidenthum immer mehr Triumphe. Die Religion Israels besteht und kämpft dagegen an immerfort. Aber diesmal kann das Gegenmittel nur aus der Wissenschaft selbst kommen. Sie muß selbst den niedern Standpunkt überwinden, den sie einnimmt, sie muß sich selbst besiegen. Die Menschheit geht niemals verloren, und aus jeder Nacht geht ihr ein Licht, eine Morgenröthe auf. Vor Kurzem ist ein epochemachendes Werk erschienen, Oerfiedt's Geist in der Natur. Wir geben heute hier nur das Endresultat Oerstedt's. Ein vor länger als dreißig Jahren von ihm betretener und seitdem getreu verfolgter Weg führt ihn zur Erkenntniß der Vernunftgesetze in der Natur und durch diese zur Annahme eines Vernunftreichs, welches das ganze Dasein umfaßt: dieselbe Kraft, dieselbe Geschwindigkeit, welche in der Natur im Größten wie im Kleinsten waltet, waltet auch im menschlichen Geiste, in der menschlichen Vernunft; sie ist einheitlich, allgütig und von Ewigkeit entspringend aus dem schaffenden Gottesgedanken; es eröffnet sich dem Geiste eine höhere Wirklichkeit, als die der sichtbaren Natur, die Grundlage der Ideen des Guten, Wahren und Schönen wird enthüllt und der wissenschaftliche Aufschwung zur Gotteserkenntniß vorbereitet. Eine Entwicklung dieser Denk- und Anschauungsweise hat Oerstedt in der kürzlich erschienenen Schrift: „Der Geist in der Natur", dem Publikum dargelegt. Wir werden in Balde naher auf dieses Werk eingehen, denn wir halten es allerdings für würdig dieser Blatter hinzuweisen, wenn die Lehre Israels ein neues Piedestal in der neu durchlichtelen Naturwissenschaft erhalt.

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