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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-12-09 · Heft 50 (9.12.1850) · p. Seite 687

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 50 (9.12.1850)
Date
1850-12-09
Page
Seite 687 (sequence 11)
Language
German
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«87 weit über sein Weichbild hinausreichen, still und geräuschlos, wie seine Lage, sind auch feine Einwohner. Die israelitische Gemeinde daselbst, theils bemittelt, theils uiubemittelt, zahlt etwa zwanzig Familien. Der größte TM derselben ernährt sich vom Viehhandet, und erst in tec jüngsten Zeit haben einige Familien ein Manufaktt«- geschaft begonnen. Zwischen Juden und Christen herrsche die vollkommenste Harmonie. Wie allenthalben auf den, sogenannten platten Lande und in vielen Städten des kcefelder Rabbincttssprengels die Israeliten noch vor $ef> tt bis fünfzehn Jahren an der kläglichsten Unwissenheit ül>«r die höchste Angelegenheit ihres Lebens, die Religion, so wie auch anderweitiger Bildung bar, lebten, so war ss natürlich auch hier der Fall. Ihre Einrichtungen in nligiösec Beziehung waren nicht minder bedauernswerth. Sie waren das Zeugniß gänzlicher Verkommenheit wu serer hiesigen Glaubensgenossen. Das Gotteshaus n>üt eine Betstube in einem verfallenen Hause auf einer schmus - gen und abgelegenen Stelle des Ortes. Man getanzte durch einen Eingang und vermittelst einer unbequemen und Halsbruch drohenden Treppe hinein, die schon allrim hinreichend geeignet waren, die religiöse Stimmung, mm von einer Solchen in der damaligen Zeit die Rede kann, völlig zu verdrängen. Das Gebrüll des Viel) ti im Stalle, in den man beim Eintritt in's Haus kMeinsehen konnte, weit er größtentheils offen stand, halltt unerquicklich den Besuchern des Gottesdienstes entgegen. Vor dem Stalle befand sich ein Hofraum mit all dM unliebenswürdigen Objekten darauf, vor dessen und der m Anblick der nicht durch und durch rohe und verwahrloste Kirchengänger ängstlich und sorgfältig das Auge nie-«orschlug. Die Größe der Betstube stand in keinem 2>.§rhältniffe zu der Anzahl der Anwesenden; da war sln stetes Gedränge, man trieb und wurde getrieben, mti stieß und wurde gestoßen. Daß es bei diesem Uebelstamde zum Oeftern an skandalösen Auftritten nicht fehlte, ist eine selbstverstandene Sache. Nicht selten drohte derA erstehet alsdann in brutaler Weise mit Requirirung et Polizei, was denn für den Augenblick die Ruhe zwar herstellte, aber dann auch zur Folge hatte, daß die erbitterten Gemüther gleich nach Beendigung des Golcesdienstes aufeinanderplatzten und ihrem Unmuth und Ingrimm von der Synagoge aus bis wo sie sich auf der Straße trennen mußten durch die heftigsten Jnvektiven kuft machten. Zuweilen kam es auch sogar zu Thatlichkeinu. Theilweise bin ich Ohren- und Augenzeuge davon gewesen, theilweise habe ich es auf traditionellem Wege erfahren. Sehr bezeichnend ist in dieser Hinsicht, tvas mir einst ein glaubwürdiger Mann mitgetheilt hat. Ein Israelit dieses Ortes ging einmal gleich nach einenn Feiertage nach Krefeld, um dem sel. Rabbiner Karlburg über eine religiöse Frage eine Entscheidung abzuverlangen. Als er in dessen Studierzimmer eingetreten war, setzte der ehrwürdige Greis sein Perspektiv vor das Auge, uird nachdem er ihn erkannt und ihm das übliche zugerufen hatte, sagte er ganz naiv: „Nun, es» ist gewiß wieder eine Schlagerei in der Schul' zu K. vorgefallen.^ Wie kommt der Rabbi auf diese Vermuthung? fragte der Angeredete ganz verwundert. Das ist einfach, erwiderte er, es ist ja erst kürzlich mü üy* gewesen. Fast nach jedem Festtage kamen in der That aus verschiedenen Orten seines Sprengels Klagen über solche EreiMisse vor das Tribunal rabbinischerEntscheidung. Die Kinder lernten das Hebräische in dem bekannten vm, diesem traurigsten der traurigen Institute des Judenthums kaum vergangener Zeiten. Um einen langen Tisch saßen die Kinder beiderlei Geschlechts in bunten Reihen. An eine-m Ende desselben hatte der Lehrer seinen Sitz, gewöhnlich in bloßen Hemdarmeln anzutreffen, vor sich die Branntweinflasche und in seiner Rechten den Strafstock haltend. Wehe dem Kinde, das seinem Zuchrmeister in einem Augenblicke einer verkehrten Laune nur ein lächelndes Gesicht zugewendet hatte. Die Art und Folgen d?s Unterrichts will ich nicht schildern, weil sie der Mehrzahl der Leser zur Genüge bekannt sind. Der Lokalwechsel dieser geistverdummenden und herzverderbenden Lärmansstalt, des prägnanten Seitenstücks eines polnischen Landlos, siel immer mit dem des Wandeltisches des Bachiir zusammen. Beide waren kollegialisch vereint. Die Entartung hatte ihren Kulminationspunkt erreicht. Das srnd, nein das waren traurige Bilder. Äarlburg starb, nachdem er beinahe vierzig Jahre den Rabbinerstuhl okkupirt hatte, und sein Tod war die geistige und moralische Wiedergeburt eines großen Theiles der Israeliten diese sSprengets. Sobald der vorige Rabbiner, der verstorbene Pr. Ullmann, in sein Amt eingesetzt war, nahm der trübselige Zustand eine andere Wendung. Seine Funktion begann er mit einer gründlichen Revision des Synagogen- und Schulwesens. Zu dem Ende machte rr Rundreisen in seinem Rabbinate, und er hatte bald eengesehen, daß in diesem Weinberge des Herrn viele Harl-inge wucherten und wenig Trauben wuchsen. Er beriech sich mit den Vorstehern der einzelnen Gemeinden und ande-! ren Mitgliedern derselben, wie die Abschaffung von Miß-

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