Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-12-09 · Heft 50 (9.12.1850) · p. Seite 678

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 50 (9.12.1850)
Date
1850-12-09
Page
Seite 678 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3225660-3225711--11423-3241533
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

678 ob er einmal, zweimal ausgesprochen noch zu deiner Verwirklichung kam, ob er einmal, zweimal versucht mißlang und resultatlos blieb — daß der Gedanke Lebenskraft besitzt, dafür bürgt, wenn er demungeachtet immer wieder zum Vorschein kommt, immer wieder seine Nothwendigkeit aufdrangt, und darum einen gewissen Anklang findet. Wir haben langst behauptet, und behaupten immer wieder, daß das Judenthum in unsrer Zeit einer gewissen Vereinigung bedarf, daß die zerstreuten und zersplitterten Gemeinden in einen Zusammenhang gebracht werden müssen, und daß dies die großen Gemeinden ebenso wenig wie die kleinen entbehren können. Oer Staat hat hierzu eine gewisse Anleitung und einen gewissen Bestand zu geben, weil allerdings die Menschen unsrer Zeit noch nicht gelernt haben, sich lebenskräftig zu vereinigen, auch wo das innerste Interesse es fordert. Glücklicher da, wo der Staat ganz aus dem Spiele bliebe, die Vereinigung eine freie und doch bestehende sein könnte! Die Rothwendigkeit liegt Ln zwei Momenten, Ln einem realen und idealen. Das reale Moment bilden die Institute, welche das Judenthum gar nicht mehr entbehren kann, und die doch nur durch Vereinigung vieler Gemeinden, ohne Ueberanspannung der Kräfte, geschaffen und erhalten werden können. Theologische Lehrstühle oder Lehranstalten und Seminarien, wenn auch nur für die religiösen Disziplinen des Judenthums und das jüdische Kantorfach werden von Tage zu Tage nothwendiger, soll das Judenthum in seinen wichtigsten Trägern nicht immer mehr auseinanderfahren und verblassen. Man frage sich selbst, wenn sich unsere Knaben zum jüdisch-theologischen Fache bestimmen, wer ist im Stande ihnen einen praktischen Weg zu zeigen, der sie zu einem gründlichen theologischen Wissen, zu einer gründlichen theologischen Ausbildung führe? Es ist da Alles zufällig, und wir bekommen zuletzt nur Theologen, die bei einer klassischen und wissenschaftlichen Bildung oberflächliche Theologen sind, oder die von der alten theologischen Stufe noch immer keine Brücke zu einer wissenschaftlichen Bildung finden. Es ist aber Zeit, daß diese Zeit der Halbheiten aufhöre, und eine organische Verschmelzung beider Richtungen sich gestalte. Was aber von den Theologen im engern Sinne, das gilt auch von unseren Lehrern, das gilt auch von unseren Kantoren, die in der Mehrzahl durch die verschiedenen Anforderungen, die an sie gestellt werden, und auf die sie sich vorzubereiten nirgend eine angemessene Anstalt finden, genugsam in die Irre kommen. Ebenso nothwendig aber ist eine Vereinigung von Gemeinden für den Kultus. Wer aufmerksam auf den Gang der Zeit ist, kann nicht verkennen, daß die Extreme sich abzuschleifeu, sich zu nähern beginnen. Die letzten zwei Jahre haben viel dahin gewirkt. In einem großen Theile unserer Glaubensgenossen ist das Gefühl durchgedrungen, daß die Religion der historisch-positiven Unterlage nicht entbehren kann, und, ohne damit ihrBedürfniß nach einer geschmackvollern und verständlichem Form des Gottesdienstes aufzugeben, gestehen sie doch zu, daß das vollständige Aufgeben der bisherigen Form nicht befriedigend und nicht haltbar sei. Von verändern Seite werden die Reihen der minutiösen Orthodoxen immer lichter, und der Widerstand gegen den Fortschritt im Gottesdienste geringer. Man wende die Vorkommnisse in einzelnen Gemeinden, in einzelnen Landschaften nicht ein; im Allgemeinen wird man unsere Beobachtung nicht für irrig erklären können. Um so mehr ist es aber Zeit, daß das Bestreben zeitgemäßer Gestaltung nicht mehr isolirt in den einzelnen Gemeinden verbleibe, sondern daß es sich durch die Vereinigung verallgemeinere, konsolidire, und in dieser eine Stütze, einen Boden finde. Es ist dies eben durch die Abfchteifung der Extreme möglich geworden, und darum muß sie benutzt werden. Das ideale Moment liegt aber in dem, worauf wir immer und immer wieder zurückkommen, in dem Wecken des Geistes, in dem Steigern des Lebens. Das Streben nach Vereinigung ist schon Zeichen eines erwachten Geistes, die Ausführung belebt und erhöht diesen. Wenn der Geist in der einzelnen Gemeinde, in dem gewohnten Kreise verdumpft, so hebt er sich enger und beschwingt sich, wenn er innerhalb eines größern Kreises sich fühlt und seinen Gesichtskreis, statt über Straßen, über Ebenen und Berge erweitert. Eine größere Vereinigung stellt größere Ausgaben, verleiht größern Wirkungskreis, läßt die vereinzelten Strebsamen.sich zusammenfmden. Zauber, der in der Masse, in der Größe liegt! Wir sagen dies heute, wir werden es morgen wieder sagen, und find sicher, daß es endlich nicht in die Leere gesagt ist! Zeitungsnachrichten. Oesterreichifcher Kaiserstaat. Lemberg, 20. November. Die „jüdische Post" meldet, daß in einigen Tagen die neue Gemeinde-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.