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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-09-16 · Heft 38 (16.9.1850) · p. Seite 529

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 38 (16.9.1850)
Date
1850-09-16
Page
Seite 529 (sequence 9)
Language
German
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529 Weg vor: es ist die Forderung, es ist der Weg der sittlichen Vervollkommnung. Mensch, «ruft sie uns zu, ob auch mit verschiedenen Anlagen zur Wett gekommen, ob auch verschiedenen Bildungsgang gehend, ob auch verschiedenen Schicksalen unterlegen — Ein und dasselbe ist dennoch dein Werk, besser, sittlicher, lauterer zu werden, und dahin zu streben mit aller Macht und Wacht! — Wie aber, setzt man dem entgegen, wenn wir auf diese Erde gelangen mit bestimmten Anlagen, wie sind wir verantwortlich für das, was au^ ihnen entsteht und hervorgeht? wenn der Schöpfer selbßi die Keime der Leidenschaften in uns versenkte, trifft uns das Unrecht, wenn diese zu mächtigen Giftpflanzen hervorschießen? Wenn unsre Entwickelung von den Schicksalen abhängig ist, die uns betreffen, sind das niht Ausflüsse der göttlichen Vorsehung? Wie tragen wir also dessen die Schuld, was uns gegeben worden, und wessen wir uns nicht erwehren konnten? Aber grade hierin lieget der Jrrthum. Indem die Religion von dir verlangt, du sollst besser, lautrer, sittlicher werden, setzt sie voraus, daß du dich darum mühen mußt, daß du Hindernisse zu überwinden hast, daß also das Gegentheil, das dich zum Schlechtem, Unlautern, Unsittlichem zieht, auch in dir vorhanden ist, und daß du dies bekämpfen mußt. Wäre Nie!) ts in uns, was uns zum Bösen bringt, wie könnten wir. dann besser und lautrer werden? Nein, kämpfen soll der Mensch darum, als um den Preis, um die Sieges:palme, um den Ehrenkranz auf dem greisen Haupte. Kämpfen den Kampf des sittlichen Geistes mit den Leidenschaften in uns, die Einlagen zum Guten in uns zu fordern und die zum Bösen zu erdrücken. Freilich hat der Mensch Triebe in sich, aus denen, aber Beides zu machen, der Trieb zur Wollust und Genußsucht und der Trieb zum Höchsten und Reinsten; freilich steigen in Jedes Brust Wünsche, Verlangen, Begierden auf, die, lajs»en wir ihnen die Zügel schießen, gleich wilden Rossen in den Abgrund stürzen; aber dazu wurden uns Verstand uvV Charakter, die Zügel zu fassen und die Herrschaft niemals zu verlieren. Kämpfen den Kampf mit dem Gtffchick; o all die Dornen, die unsere Füße verwunden, hel«iuszuziehen, und dennoch weiter zu wandeln, und durch Mes Dickicht zu dringen, und jede kantige Klippe zu übersteigen. Wie? was ist ehrenvoller für den Menschen, was steht höher, lange vor dem Ende des Lebens übersättigt die Gaben eines allzugütigen Geschickes von uns werfen, oder nach langem Mühsal, wenn auch später, eine würdige Stelle erobert haben, von der aus wir Sieg erlangten? Kämpfen endlich den Kampf der Liebe mit dem Egoismus, mit der Selbstsucht. Denn, sehet, weil der Mensch ein in sich gesondertes und auf sich gestelltes Wesen ist, darum lebet in ihm die Selbstsucht, die Alles auf sich bezieht, Alles an sich rafft, und Alles nach sich bemißt. Aber in uns ist auch der Same der Liebe gestreut, und diesen Samen der Liebe sollen wir pflegen, bis sie Herr geworden über die Selbstsucht. Sehet selbst nach, meine Freunde. In Euren Hausern, in Euren Familien, ist nicht da auch die Selbstsucht heimisch, und dränget sich überall hindurch, daß Jeder darin nur an sich, seinen Vortheil, sein Vergnügen denkt? Und es soll doch das Haus, die Familie das Heiligthum der Liebe sein? Denket immer der Mann mehr an die Seinigen als an sich, wie er doch sollte? Denket niemals das Weib mehr an sich als an die Ihrigen? Sagt, Ihr Söhne, opfert Ihr so viel für Eure Eltern, wie diese für Euch gethan? Und ferner in der Religionsgemeinde waltet da die Liebe, welche sollte, da sie Gemeinde der Religion ist, welche vorschreibt: „geben sollst du und dich nicht verdrießen lassen, daß du gebest?" Und dann erst in Stadt und Staat, im gewerblichen und öffentlichen Leben, wie erdrückt da der Riese Selbstsucht den Zwerg Liebe? Und doch sollte es anders sein, und die Liebe sollte Gesetz und Recht bestimmen, und Liebe das Zepter tragen, damit sie um die wenigen Tage des Menschenlebens, und um die wechselvollen Tage des Menschenlebens den ewig blühenden Rosenkranz winden! (Fortsetzung folgt.) Literarische Nachrichten. ^Magdeburg, 3. September. Die jüdische Synagoge und die freie christliche Gemeinde. Eine Beleuchtung ihres Verhältnisses zu einander von vr. Meisel, Rabbiner. Nebst gutachtlichen Briefen vom Oberrabiner Dr. Frankel in Dresden und Rabbinatsassessor Dr. Sachsin Berlin. Zweite Auflage. Nordhausen, 1850. Die Frage, die in diesem Schriftchen abgehandelt wird, ist die: kann die Synagoge auch zum Gottesdienste für die freie christliche Gemeinde zugestanden werden? Diese Frage hatte sich faktisch in Stettin aufgeworfen. Allein daß diese Frage nicht eine so äußerliche sondern tief im innersten Verhältnisse der freien Gemeinde zur Synagoge, 38*

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