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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-09-16 · Heft 38 (16.9.1850) · p. Seite 527

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 38 (16.9.1850)
Date
1850-09-16
Page
Seite 527 (sequence 7)
Language
German
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527 kleinlicher Art, und gleichen den Jntriguen viel mehr, als dem Streben nach höheren Zwecken. Es versteht sich, daß die Orthodoxen mit Macht den Platz, den sie noch inne haben, zu behalten streben, wenn auch eine kühne Phantasie dazu gehört, zu meinen, daß sie die verlorenen Posten wieder einnehmen werden. Es versteht sich, daß die entschiedenen Reformer nicht vorwärts kommen, weil sie keinen Boden haben, auf dem sie eine große Menge Anhänger plazircn könnten. Und es versteht sich, daß der große Haufe in der Mitte, wie alle Zentren unsrer Zeit, aller schöpferischen, die Kräfte zusammenhaltenden Energie, Thatkrast, entbehren. Es ist sicher ein falscher Vorwurf, den man unsrer Zeit macht, sie besitze keine Ideen, deren Ausführung Früchte reisen würde. Es fehlt wahrlich! nicht an Ideen, es fehlt nicht an praktischen Ideen, die ausführbar wären. Aber cs fehlt unsrer Zeit an Thatkrast, die Ideen zu verwirklichen, die Hände sinken erschlafft zurück, sobald sie sich ausgestreckt haben. Unsre Zeit ist der gefesselte Prometheus, der das Feuer herabgeholt, aber an den Felsen geschmiedet worden, daß er keinen Gebrauch davon machen kann, während der Geier der Auflösung ihm täglich mehr aus dem Herzen herausfrißt. Darum konnten auch Ihre „Sendschreiben", die von allen vernünftigen Lesern mit Dank und Anerkennung ausgenommen worden, für jetzt keinen weitern Erfolg haben, als daß sie uns in mancherlei Dingen das Bewußtsein der Lage klarer gemacht. Für jetzt, sage ich; denn auf ganz unfruchtbaren Boden sind sie sicher nicht gefallen, und sie werden ihre Wirkung dann erst haben, wenn sie vielleicht längst vergessen sind. Denn das ist ja das Schicksal des Gedankens, daß er, in die Welt hineingeschleudert, gefaßt, ausgenommen, verarbeitet, aber dann erst zu Fleisch und Blut wird, wenn an seinen ersten Ursprung nicht mehr gedacht wird. In die allgemeine Muthlosigkeit und Indifferenz sind diese „Sendschreiben" zündend hineingefallen. Nur konnten sie unmöglich so rasch zur Flamme werden, daß eine sichtbare Wahrnehmung davon in die Erscheinung träte — dazu weht der Wind nicht scharf und stark genug — aber Jeder trägt sie doch in sich herum, so daß sie zu gelegener Zeit einwirken werden. Es ist überhaupt zu bemerken, wie wenig Organisationskraft in den Juden seit Jahrhunderten steckt. Die Juden, deren Energie für eine Idee doch zweifellos dasteht, sind dennoch so gebannt in die Vorstellung einzelner Gemeinden, ein Jeder so hineingezaubcrt in die enge Grenze seiner Gemeinde und ihres Weichbildes, daß an eine umfassende Gestaltung noch lange nicht zu denken ist. Der Pesther denkt, was gehen mich die Ofener an, und der Ofener, was gehen mich die Miskolzer an, die können für sich sorgen. Und so sorgen sie allerdings für sich nicht, weil sie eben nur für sich sorgen. J. Rußland und Polen. Aus Rußland. Die Jew. Cliron. erzählt folgendes Faktum, das ihr von einem zuverlässigen Gelehrten mitgetheilt worden sei: Im Jahre 1848, als ich mich in Rußland aufhielt, erzählte man mir, daß der Kaiser, in dem Wun» sche, die Treue der Palaftwache zu erproben, sich eines Nachts auf geschickte Weise verkleidete. Der Palast wird von dreifachen Gliedern von Posten bewacht. Der Fürst kommt zum ersten Posten und verlangt den Eintritt zur kaiserlichen Wohnung; man verweigert sic ihm, aber das Geschenk eines Rubels hebt bald jede Schwierigkeit. Der zweite Soldat weicht ebenfalls der Macht des Goldes; endlich gelangt der Kaiser zum dritten Posten; hier vollständige Weigerung; Nikolas verdoppelt, verdreifacht seine verführerischen Anerbietungen; man kommt hier nicht herein: der Soldat macht Anstalt, den lästigen Bittsteller zu arretiren und ihn zu erschießen, wenn er Widerstand leistete. Der Kaiser wollte natürlich nicht weiter gehen, warf seine Verkleidung ab und nannte seinen Namen. Der dritte Posten war — ein Jude. Von der polnischen Grenze, 26. August. (B. Ztg.) Ein neuer Ukas ist über die Militärverhältnisse der Juden erschienen. Es heißt darin: Man habe sich überzeugt, daß die Rekruten mosaischen Glaubens aus Polen, welche mit Beginn des 21. Lebensjahrs zu unserm Militär ausgehoben werden, sich im Innern des Reiches nicht akklimatisiren können. Es sollen deshalb alle militärpflichtigen Juden vom 13ten bis zum 36sten Lebensjahr dienen. Vom löten bis zum 18ten sollen sie in besonderen Kantonistenschulen erzogen werden, vom 18ten bis zum 25sten kommen sie zur Flotte und von da ab dienen sie in der Linie. Kantonistenschulen sind bereits eingerichtet in Kijew,

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