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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-06-10 · Heft 24 (10.6.1850) · p. Seite 322

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 24 (10.6.1850)
Date
1850-06-10
Page
Seite 322 (sequence 2)
Language
German
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322 Leitender Artikel. Magdeburg, 2. Juni. Die Judenfresser an der Spree. Alle Welt war in diesen Tagen erstaunt, entsetzt von den namenlosen Aufhetzereien, von den geradezuigen Aufrufen zur blutigsten Ausrottung der Juden, welche die Kreuzzeitung, welche der k. preuß. Affeffor Wagner, der Redakteur derselben, täglich brachte. Es ist schon viel geschehen seit dem Beginn des Jahres 1848, aber dessen hat die neuere Zeit kein Beispiel aufzuweisen, daß unter den Augen einer Regierung, in einem Blatte, das das Kreuz an der Stirn, Gott, König und Vaterland als Devise trägt, Brand, Mord und Raub gepredigt wird dem einen, freilich großem Theile des Volkes gegen den andern, freilich geringem Theil des Volkes, daß eine Verfolgung, „wie die Geschichte sie noch nicht gesehen", heraufbeschworen wird, wie dem „Proletariat" die Waffe in die Hand gedrückt und die Brandfackel, um sie gegen gleichgestellte, gleichberechtigte Bürger, gegen eine große Klasse Menschen, in der Gerechte und Ungerechte, Gute und Böse, wie in allen Klassen, zu gebrauchen! Wir wollen uns nicht die Mühe geben, dem Assessor Wagner, seiner Zeitung, seiner Partei vorzuwecfen: und Ihr wollet religiös, wollet christlich sein? Ihr traget die Religion auf Euren Lippen? Ihr machet unsrer Zeit den Vorwurf, daß sie die Religion, den Glauben verloren? Ihr wollet auf diese Weise die Menschen gewinnen und zu Euch zurückführen?... Ich sage, diese Mühe nehmen wir uns nicht, denn jene Leute lachen nur solcher Dinge; sie fühlen selbst zu sehr ihre Unsittlichkeit, ihre Unchristlichkeit, ihre Irreligiosität, um aus diesen heraus einen Vorwurf treffend zu finden. Sie schrauben sich auf den Standpunkt der Kreuzzüge zurück, sie wollen diese gegen Alle ausführen, die nicht mit ihnen sind, sie wollen, freilich nicht das heilige Grab zu Jerusalem, sondern den goldnen Stuhl der Herrschaft erobern, und da ist ihnen jedes Mittel gut. Noch mehr. Wir nehmen uns auch nicht die Mühe, diesen Herren vorzuwerfen: wir würden es Euch nicht übel nehmen, wenn Ihr die gleichberechtigende Verfassung zurückgerufen, die Emanzipation vernichtet, neue Ausnahmegesetze, drückender als je, auf die Juden gewälzt, neue Ghetti, neue Fesseln geschaffen haben wollet, solange Ihr nur Gesetze, Gesetze wollet; aber Ihr, welche doch den Gehorsam gegen die Obrigkeit predigen von Stunde zu Stunde, Ihr wollet das Volk aufrufen, sich der Obrigkeit zu widersetzen, und in die Häuser zu brechen, wo Juden wohnen, und zu plündern, und zu morden, und zu mordbrennen? Das soll es thun, und würde sich doch dabei der Obrigkeit widersetzen und sie tilgen müssen? Nein, auch das wäre eine verlorene Mühe, denn jene Leute lachen über dergleichen Dinge, und haben es ja oft genug schon gesagt: man müsse es mit den Gesetzen nicht so genau nehmen. Ja, wir sind so sparsam und haushälterisch mit unseren Borwürfen, daß wir den Herren auch das nicht zu Gemüthe führen: wenn Ihr einmal das Volk in Waffen gebracht und mit Mordstahl und Brandfackel versehen habet, glaubet Ihr, es werde bei den Juden stehen bleiben? glaubet Ihr, es werde nicht auch zu Leuten sich wenden, die das wirklich gethan und thun, was Ihr den Juden vorwerfet, und zittert Ihr da nicht? Nein, das sagen wir dieser Art Menschen nicht: denn wenn diese das Staatsruder in Händen hätten, und das wäre so gut, wie wenn die Hunnen und Vandalen wiederkehrten, so würden sie den Pöbel ruhig die Juden mißhandeln lassen, aber wenn er blutglühend sich dann gegen andere Leutchen wenden sollte, die es wirklich verdient, nun dann wären ja Shrapnels und Granaten und Kartätschen genug da, und man hatte zwei Fliegen mit Einer Klappe geschlagen, die Juden und das Volk. Nein, mit solchen Redensarten treten wir den Herren der Kceuzzeitung nicht entgegen, da sparen wir unfern Athem und unsre Tinte, ja, wir sprechen gar nicht zu diesen. Wir richten vielmehr unsere Fragen nach zweien Seiten hin. Zuerst. Wird denn die Staatsanwaltschaft, deren Pflicht es ist, wo sich ein Verbrechen gegen Gesetz und Gesellschaft vorfindet, dagegen anklagend aufzutreten, solche Expektorationen, solche Aufhetzereien zu Bürgerkrieg und Bürgermord ruhig dulden? wird sie die tageskundige Verletzung der Gesetze ruhig mitansehen? Nun, es ist fürwahr nicht gut, wenn man Verbrechen im Großen, deren Tragweite nicht abzusehen ist, nachsichtig übersieht; aber der Staat, in welchem parteilos Recht geübt wird, da wurzelt die Achtung vor Recht und Gesetz im Volke. Zweitens. Werden denn die Juden in Berlin, werden die preußischen Juden so feige, so thöricht, so gliederschwach, so lahm und altersohnmächtig sich zeigen, daß sie schweigen und schweigen? daß sie keinen Schritt thun, um mit der Kraft der Gesetze, die auf ihrer Seite sind.

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