Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 5 (28.1.1850)
- Date
- 1850-01-28
- Page
- Seite 67 (sequence 15)
- Language
- German
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67 sich an ihm vorüberdrücken; da wandte er das Pferd, verrann ihm den Weg und rief ihm nochmals „Halt!" zu. Der Wandrer blickte auf die Pistole des Reiters und blieb zitternd stehen. „Wer bist Du? wie heißt Du?" ,,^ch heiße Salomon, und bin meiner Kunst ein Setzer." „Ein Jude?" „Ja, gnädiger Herr!" „Woher kommst Du?" „Aus dem Städtchen N." „Wann bist Du da ausgegangen?" „Gestern Abend spat, bin dann die Nacht durchgewandert, weil ich früh in der Residenz sein muß, um Arbeit anzutreten." „Ist in N. Etwas vorgegangen? Hast Du da etwas Besonderes bemerkt?" „Es ist gestern Abend eine Kompagnie Soldaten eingerückt, dann aber Ln die Gegend hinter die Stadt hinausgelegt worden." Der Prinz ward betroffen. „Weißt Du nicht weshalb? wozu?" „Nein! Es geschah sehr verborgen. Ich habe sie nur auf dem Wege um Mitternacht getroffen, und machte, um nicht bemerkt und aufgehalten zu werden, einen großen Umweg, weshalb ich auf diesen Waldgang gerathen bin." „Gut, ich danke Dir." Der Prinz reichte dem verwunderten Bursch ein Goldstück, und ließ ihn passiren. Der Bursch trat sogleich in das Dickicht ein, und war verschwunden. Ha! was ist das? frug sich der Prinz. Soldaten hinter N.? Es ist verrathen. Sie sollen mich fangen. Dann erklärt man mich des Thrones verlustig, und die Freiheit Hab' ich doch nicht.... Wer hat mich verrathen? Sollt' es Franz sein? Sollte der ganze Plan mir nur an die Hand gegeben sein, um mich zu vernichten? Vertraue Niemandem außer Gott?...." In tiefes Sinnen, in schwere Aufregung gerieth der unglückliche Prinz — aber er kehrte um und in den vergoldeten Kasicht zurück. Der Fürst that als wüßte er von Nichts, der Prinz nicht minder. Franz war außer Landes gegangen, der Prinz vereinsamt mehr als je. Jahre waren vergangen. Der Prinz harrte geduldig aus, Alles vermeidend, was einen Bruch Hervorrufen konnte. Der alte Fürst starb, der Prinz ergriff das Zepter, die Fürstin kehrte freiwillig an ihren väterlichen Hof zurück, aber der junge Fürst sandte ihr nur — Gnadenbezeugungen nach. Eines Morgens sitzt der Fürst in seinem Kabinet. Akten liegen vor ihm aufgehäust. Der Fürst ließ sich stets erst berichten, nachdem er die Akten selbst geprüft. Er wollte nicht durch die Brille seiner Minister sehen. Da greift er nach einem schwarz gesiegelten Packet; er wußte, dies bedeute einen schweren Kriminalfall. Er öffnet, liest das Urtheil, schlägt zurück und blickt auf die Motive — ein seltner, ihm nie vorgekommener Fall, er sieht auf den Titel, und erblickt: „Akta wider den Juden Salomon, Buchsetzer, wegen Gotteslästerung." Salomon? Buchsetzer? Jude? Der Fürst hat ein gutes Gedachtniß. War das nicht der Wanderbursch im Walde an jenem verhangnißvollen Morgen? Nicht der gottgläubige Mahner, der nur den einen Spruch hatte: Vertraue Niemandem außer Gott? Und dieser der Gotteslästerung beschuldigt? Nun, fürwahr, sein Spruch soll auch ihn nicht verderben lasten. Zunächst studirte der Fürst auf's Genaueste die Akten selbst, die Anklage wie die Vertheidigung, schaffte sich ein getreues Bild des ganzen Vorganges, und gestand sich die Schuldlosigkeit des Beschuldigten zu. Dann verschaffte er sich die Gewißheit, ob es wirklich derselbe Bursche war, dem er damals begegnet. Es mußte das Wanderbuch destelben herbeigebracht werden, und siehe, Tag auf Tag stimmte, wann Salomon N. verlassen, wann er in der Residenz angekommen. Der Fürst sprach die Begnadigung aus, „weit die Gotteslästerung nicht vollendet worden", belegte Salomon aber mit Landesverweisung, „weil die Gotteslästerung begonnen worden". Aber an dem Morgen vor der Ausweisung öffnete sich die Pforte des Gefängnisses, und Salomon sah einen Mann in seinen Kerker treten, der ihm in seinem Reitanzuge sehr bekannt schien. Der betrachtete den Salomon lang, dann sprach er die Worte: „Bester ist's dem Ewigen vertrauen, als auf Menschen sich verlassen!" Und bei diesen Worten übergab er ihm eine Börse mit einem bedeutenden Geldgeschenk gefüllt, und wandte den Rücken. Durch den Gefängnißwarter erfuhr Salomon, daß es — der Fürst gewesen. Der Kerker öffnete sich. Der Setzer wurde hinausgeführt. Draußen stand sein Prinzipal, übergab ihm seine Sachen und drückte ihm noch einmal die Hand.