Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-12-17 · Heft 51 (17.12.1849) · p. Seite 722

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 51 (17.12.1849)
Date
1849-12-17
Page
Seite 722 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225606-3225658--10663-3240729
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

722 Inhalt. Leitender Artikelr Das Judenthum und die „freien Gemeinden". Zeitungsnachricktenr Deutschland: Posen, aus dem Großherzogthum Posen, Berlin, Stuttgart, München. Frankfurt am Main, Darmstadt. Oesterreichisch er Kaiserstaat: Wien, Wien, Preßburg. Italien: Rom. Abhandlungen verschiedenen Inhalts: Rabbinische Sprüchwörter (Fortsetzung). — Einige auf Erfahrung gegründete praktische Anleitungen zur Beschneidung, von L. Plowitz, ausübenden Wundarzte rc. in Prag. — Neugestaltung des Gemeindewesens. Belletristisches: Das verlorene Kind. Novelle von G. B en- Levi. (Schluß.) Leitender Artikel. Magdeburg, 10. Dezember. Das Judenthum und die „freien Gemeinden". Wenn jetzt viele so genannte „freie Gemeinden" diejenigen Lehren als ihren Lehrinhalt aussprechen, welche das Judenthum seit vier Jahrtausenden predigt: einen einigen Gott, der nur im Geiste anzubeten, die Nächstenliebe als höchstes Sittengesetz, daß der Mensch nur durch sittlich reines Handeln Verdienst bei Gott erwirbt und seine Bestimmung ausfüllt, und daß darum der Schwerpunkt des menschlichen Lebens nicht in das Jenseits zu verlegen, sondern gerade in die Existenz als Mensch auf Erden — und wenn darum viele Juden sich mit jenen „freien Gemeinden" auf einem und demselben Standpunkt glauben: so ist es fürwahr! Zeit, sie über die Unrichtigkeit dieses Standpunktes aufzuklaren. Wir brauchen nur über die Gesammtheit derff. g. „freien Gemeinden" hinzublicken, um die Juden auf die große Kluft, die jene von uns trennt, aufmerksam zu machen. Denn es sind eben nur einige „freie Gemeinden", welche jene Lehrsätze festhalten und bekennen; es sind zumeist die Masten dieser Gemeinden selbst (wenn sie eine Maste als Anhänger haben), die noch diesen Lehrsätzen huldigen — viele, und namentlich ihre Führer sind weit darüber hinaus, und zucken die Achseln über die Lehre von Gott und all ihre Folgen; sie stehen mitten im modernen Heidenthume, und gerade unter dem Banner völliger Freiheit des Individuums, ja völliger Geltung der Individualität ist ihnen die „freie Gemeinde" auch der Sammelplatz, das Gremium der Atheisten, derer, die das Geschöpf zum Selbstschöpfer, die Substanz und Existenz zu Gott machen. Wer dies in'sAuge faßt, sieht schon, daß die „freie Gemeinde" Nichts mit dem Judenthume zu thun hat, und daß diejenigen Juden sehr übel berathen sind, welche sich der „freien Gemeinde" anschließen zu können glauben, da „diese nichts anders lehre, als das Judenthum". Das Judenthum, welches die ewige Wahrheit der Gotteslehre und des Sittlichkeitsgesetzes in die Welt gebracht, und in derselben stets aufrecht erhalten hat, welches dabei diese Lehre und dieses Gesetz so fest formulirt und gegliedert hat, daß innerhalb seiner niemals Zweifel und Zweideutigkeit sie antasten durfte, das Judenthum, welches gerade darum dem Ehristenthume von seinem Beginn an gegenübertrat, und seine Opposition um Millionen gemordeter Söhne und tausendfachen Elends willen nicht aufgab, das Judenthum kann Nichts gemein haben mit einer „Gemeinde", in der von vorn herein der Zweifel und die Zweideutigkeit auch Betreffs dieser höchsten Lehrsätze vollberechtigt auftreten, als vollberechtigt anerkannt werden, die von vorn herein und ausdrücklich sich die Pforte auflaßt, die über alle Religion hinaus in die Irrgärten des Materialismus, der Selbstvergötterung, des Heidenthums führt. Woher kommt nun diese Erscheinung? Sie hangt genau mit dem überein, was selbst, wenn die „freie Gemeinde" bei jenen, oben in Umrissen gezeichneten Lehrsätzen stehen bliebe, wenn diese den alleinigen Inhalt ihres Bekenntnisses ausmachten, dennoch das Judenthum von ihr völlig unterscheiden würde. .Nämlich. Das Judenthum hat für seine Lehre die große geschichtliche Basis, die allein der menschlichen Ueberzeugung Sicherheit verleiht: die „freie Gemeinde" das gerade Gegentheil. Die „freie Gemeinde" geht hervor aus der Verneinung besten, was bis jetzt in der christlichen Kirche gegolten; diese Verneinung hat ihre Quelle in dem entwickelten Verstände; wohin nun dieser Verstand in seinen Syllogismen noch hinführte, es hat eine volle Berechtigung in der „freien Gemeinde", sie kann diese ihm gar nicht versagen. Das Judenthum ist aber eine Uebereinstimmung der geschichtlichen Lehre mit dem entwickelten Verstände, und in dieser Uebereinstimmung hat das Judenthum seine unerschütterliche Grundlage, aber auch seine feste Grenze. Sobald der Verstand über diesen Punkt, wo die geschichtliche Lehre mit ihm übereinstimmt, wo Beide zusammenfallen und sich decken, hinausginge, hätte er eben keine Berechtigung im Judenthume mehr. So hat das Judenthum den unermeßlichen zwiefachen Vorzug, daß es eine feste Grenze hat, und daß es eine un-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.