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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-12-03 · Heft 49 (3.12.1849) · p. Seite 707

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 49 (3.12.1849)
Date
1849-12-03
Page
Seite 707 (sequence 15)
Language
German
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707 Was verlorene Kind. Novelle von G. Ben-Levi. (Nach dem Französischen in den Arch. isr. de Fr.) „Leb wohl, meine gute Mariane, ich will in's Kaffeehaus gehen und eine Pfeife rauchen," sagte Zsaak Castro zu seiner Tochter, sie zärtlich umarmend; „laß Dir die Zeit nicht lange dauern, ich komme bald wieder zurück. Bor Allem aber denke nicht an die beiden Freier, denen ich heute Deine Hand verweigert habe. Nur Geduld! Ich habe etwas Vermögen, Du bist hübsch, gut und gescheidt; es wird uns nicht schwer werden einen paffenden Mann für Dich zu finden." Isaak Castro hatte Recht, denn er unterhielt mit großem Erfolge in einer kleinen, südlich gelegenen Stadt ein sehr wohl affortirtes Modegeschaft, das ihn schon zu einem ansehnlichen Wohlstände verhelfen hatte. Was er von seiner Tochter sagte war ebenso richtig, denn Marianne, jung und schön, war die reichste Zierde seines Magazins und vermöge ihrer Anmuth, Sparsamkeit und zarten Sorgfalt die Freude und der Stolz ihres Vaters. Als aber das junge Mädchen allein hinter ihrem Schreibpult zucückblieb, stützte sie ihr Köpfchen auf ihren bewundernswürdig schön geformten Arm und blieb in Nachdenken versunken, eine Beute trauriger Betrachtungen. Es war aber auch Etwas, was dieses achtzehnjährige Köpfchen wahrhaft beunruhigen konnte. An diesem Tage hatte man zweimal um Mariannens Hand angehalten und beiden Anträgen hatte ihr Vater mit einem bestimmten „Nein" geantwortet. Der erste Bewerber, mit Namen Cleophas Ra b usson, war ein Gil Blas von vierzig Jahren, hatte schon Alles in der Welt versucht, war abgenutzt, blasirt und ruinirt, und wollte sich durch eine gute Heirath wieder emporhelfen. Sein Ruf hatte ebenso sehr gelitten als sein Kredit; jedoch hatte er ein gutes Aussehen, sprach an allen Ecken und Enden von seiner Loyalität, strich seinen Titel als Grundbesitzer sehr heraus, jedoch sehr wohl die Hypotheken verbergend, die sein Gut belasteten, als auch die Falten, welche sein geröthetes Gesicht zu durchfurchen begannen. Seine Bewerbung war durch eine brstimmte Zurückweisung erwidert, deren Harte Castro in der Weise milderte, als er ihm sagte, daß er als Israelit und treuer Beobachter von Mosis Gesetze seine Tochter nicht einem Christen geben könne, der wegen seiner Anhänglichkeit an die Kirche bekannt sei und der, weil ec öfter noch als gebräuchlich das Abendmahl nähme, das Recht zu haben glaubte, bei jeder Gelegenheit Gefühle des Hasses und der Unduldsamkeit gegen diejenigen blicken zu lassen, die nicht seinen religiösen Glauben theilen. Bei den Südländern ist Mäßigung eine Ausnahme; was sie wollen, fühlen und wünschen, drücken sie kräftig und bestimmt aus; und wenn zufälliger Weise eine Unterredung ohne Geschrei endet, so ist an diesem Tage sicherlich ihre Stimme belegt. Die Zurückweisung des zweiten Heirathsantrages war nicht mit denselben Gründen motivirt: Prosper Vidal war Glaubensgenosse Castro's, war wie er Kaufmann; als ein junger, fleißiger, gesitteter und hübscher junger Mann wußte er sich die Neigung Mariannens zu gewinnen durch seine angenehme Unterhaltung, ein ungegezwungenes Benehmen und durch einen gewissen Sinn für Intelligenz, den man so häufig bei den reisenden Handlungsdienern findet. Ich irre mich, Prosper wurde böse, wenn man ihm diesen Titel gab; er war mehr als dies, sein wahrer Stand war der eines Handelsreisenden. Er repräsentiere ein elsaffer Haus und wußte durch seine Thätigkeit, sein Talent sich gern gesehen zu machen, durch seinen geraden Verstand und seinen kindlichen Charakter seinem Herrn eine außerordentliche Kundschaft zu ver.- schaffen, der ihm seinerseits eine Hoffnung auf Affoziation in Aussicht stellte, die schon seit drei Jahren immer auf dem Punkte stand sich zu realistren, aber noch lange Zeit eben nur eine Hoffnung zu verbleiben drohte. In dieser Weise hatte ihm Castro, als ein vorsichtiger Mann, auch freimürhig erwidert: „Sie sind ein braver junger Mann, voller Geschick und Geist, Sie erhalten so viel Aufträge als Sie nur wollen; aber was meine Tochter betrifft, so muß sie einen Kaufmann von anderm Kaliber haben." Rabusson war bleich vor Zorn, mit zusammengepreßten Lippen und eine falsche Gleichgiltigkeit affeklirend fortgegangen; Prosper hatte sich schüchtern dem festen Willen Castro's gebeugt und traurig, eine Thräne im Auge, drückte er im Fortgehen die Hand des alten Modewarenhändlers und sprach seufzend: „Sie haben Recht; ich bin eines solchen Schatzes nicht würdig." Diese Erinnerungen sind es, die Mariannens Gedanken umdüsterten, ihre Augen mit einer trüben Wolke beschatteten und ihr hübsches Köpfchen über ein Buch beugten, daß sie betrachtete ohne zu lesen, denn ihr Herz war an den jungen Handelsreisenden vergeben, und ihr erträumtes Glück bestand darin, ihr Leben mit diesem

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