Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1849)
- Date
- 1849-11-26
- Page
- Seite 691 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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691 freuet mich die Ehre. Aber meinem Freunde R. Nethanel Weil gebührt der Vorzug, denn er ist armer und älter als ich. Auch ist er ein Deutscher und kann sich besser mit deutschen Sitten befreunden. Er ist gelassen und ruhig, und durch diese Eigenschaften wird er manches Werk vollbringen können, das mir, bei meiner oft noch aufsprudelnden Hitze, nicht immer gelingen möchte. Kennt man ihn genau, so wird man seiner Denkungsart große Achtung bezeigen und seiner Gelehrsamkeit verdiente Gerechtigkeit widerfahren lassen. Endlich glaube ich auch nicht, daß das kaiserliche Dekret vollzogen werden wird. Man wird eine Untersuchung anstellen, dann wird sich unsre Unschuld zeigen. Sollte aber auch Einer oder der Andere des angesonnenen Verbrechens als schuldig befunden werden, so leide ec, aber nicht die ganze Gemeinde, die Strafe." „Ich glaube es nicht," entgegnete Raphael. „Es wird aus naheliegenden Gründen jede Klage und Untersuchung niedergeschlagen werden. Geld allein vermag die Aushebung des Ediktes zu bewirken.". „Dafür stimme ich nicht!" eiferte der Appellant. „Man hatte auch unsecm Feind kein Geschenk machen sotten, dann hätte er nicht einmal einen Schein unserer Schuld Vorbringen können." „Das Geld regiert die Welt!" sagte Raphael. „Doch Alles zu seiner Zeit; oft kann ein Geschenk zur Unrechten Zeit nachtheilige Folgen haben. Ich mache daher noch einen andern Vorschlag. Der König von Preußen ist ein gerechter Mann. Er wird nicht verlangen, daß die Gemeinde um seinetwillen falsch beschuldigt und bestraft werde. Man wende sich daher an ihn, und er selbst wird Zeugniß geben, daß die Beschuldigung keinen Grund habe." „Wird die Kaiserin dem König glauben?" fragte Landau, dem dieser Plan gefiel. „Nicht gerne, aber sie muß!" erwiderte der Vorsteher. „Es sind Fciedensunterhandlungen im Werke, und wenn auch die Feindin den Feind haßt, so muß sie doch als Regentin das Ehrenwort eines Regenten annehmen, weil die Majestäten persönlich geheiligt sind, und sie sonst erwarten müßte, daß auch ihre Worte in vorkommenden Fällen nicht geachtet würden." „Ich werde das kluge Wort bei der Sitzung vortragen," sprach Landau, vergnügt die Hände reibend. Raphael wollte sich entfernen und bat um den Segen des jungen Weisen. Da erzählte ihm dieser das Gleichniß von dem Baume in der Wüste: „Bei Rab Nachman saß Rabbi Jsak zu Tische als werthec Gast. Sie sprachen von der Größe der Bestimmung, daß sich der Mensch in seiner Blöße zeige, wenn er auf Erden nur esse und trinke, denn der Himmel sei das Ziel der Lebensreise; darum folge der Fromme nur der Sehnsucht der Seele und nicht dem Triebe des Leides. Darum sei es der Eltern heiligste Pflicht, ihre Kinder zu guten Menschen zu erziehen; darum sei auch Joseph tugendhaft geblieben, weil ihm sein Vater die Tugend und Gotteslehre frühzeitig eingeprägt; darum sei auch Jakob nicht gestorben, weil er sich durch seinen Sohn Unsterblichkeit erworben habe. Als der Gast sich trennen wollte, sagte er: Herr, segne mich! Rab Nachman aber erwiderte und sprach: wie kann ich dich segnen? Vernimm ein Gleichniß: Es war einmal ein Wanderer in der Wüste. Der Brand der Sonne drückte seinen Scheitel und der Sand des Bodens glühte auf den Sohlen seiner Füße. Da sinkt er nieder, ermattet vor heißem Hunger und quälendem Durste. Aber siehe! ein Baum steht an dem Orte, wo er liegt, und ec nimmt den Wande/Ein seinen Schatten auf. Der Baum hat Früchte, die ihn laben, und an seinem Fuße liegt ein klarer Quell, ^der ihn erquickt. Gestärkt wollte er weiter gehen und er sprach: lieber Baum! Kerrie möchte ich dich segnen; aber sage selbst, wie soll ich dich segnen? Daß du süße Früchte erhalst? Du hast sie ja schon! Daß ein klarer Quell an deinem Stamme fließe? Er fließt ja schon! Daß deine Schatten kühlen sollen? Schon kühlen sie! Darum will ich dich segnen: es mögen die Zweige, die man von dir pflanzt, Baume werden wie du bist." So weiß ich auch nicht, wie ich Dich, Herr, segnen soll. Soll ich Dich segnen, daß Du erkennest die Lehre Gottes? Du erkennst sie schon! Daß Du erhälst Reichthum und Ehre? Hast ja Alles schon! Daß Du Kinder erhälst? Hast ja auch schon! Darum will ich Dich segnen: es mögen Deine Kinder werden wie Du bist." Landau schwieg, dem ä)aste die Anwendung des Gleichnisses überlassend. Raphael aber sprach bescheiden: „Meine Kinder sollen besser werden als ich bin!" Grüßend schied er und begab sich zu Weit, dem er die Stelle antcug. Da wurde der arme Mann von der unerwarteten Freude sehr überrascht und dankte Gott für die ihm gesandte Hilft, besonders weil er in einem ruhigen Orte Zeit und Muße haben werde, die Abfassung seines mir seinem Sohne Tiah begonnenen Werkes zu vollenden. Auch sprach ec mit dem Vorsteher von der