Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1849)
- Date
- 1849-11-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225606-3225655--10619-3240682- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XIH. Jahrgang. No. 48. Allgemeine Zeitung -es Zudcnthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Redakteur Verlag von Dr. Ludwig Philipps»», Baumgärtners Buchhandlung Rabbiner zu Magdeburg. zu Leipzig. Leipzig, den 26. November 1849. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal, Montags, und wird jährlich 96 Bogen in Quart inkl. des Titels, Registers u. s. w. umfassen. In Gemäßheit des Zweckes derselben die allgemeinste Verbreitung zu geben, ist der Preis äußerst niedrig: mit 3 Thlr. für den Jahrgang; — 1 Thlr. 15 Ngr. (1 Thlr. 12 gGr.) für sechs Monate — 22,V Ngr. (18 gGr.) für das Vierteljahr angesetzt worden. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitungs-Expeditionen nehmen Bestellungen an; der Hauptspedition für beide Letztere hat sich die königl. sachs. Zeitungs-Expedition allhier unterzogen. Inhalt. Leitender Artikel: Die Religion im vorigen Jahre. ZeitungsnaiKrickten r Deutschland: Berlin, Berlin, München. Oestcrreichischer Kaiserstaat: Prag, Wien, Pesth. Pefih. Belletristisches : Prag vor hundert Jahren. Erzählung von vr. Samuel Mayer. (Fortsetzung.) Leitender Artikel. Magdeburg, 20. November. Die Religion im vorigen Jahre. Die beiden Jahre, die vorübergegangen, dürfen auch vom religiösen Standpunkte aus nicht unbeachtet gelaffen werden. Ernst und mit Anstrengung müssen sie in ihrer Bedeutung durchdacht und erwogen werden, damit wir in unseren weiteren Bestrebungen nicht ohne sichere Gedanken als Wegweiser vorwärts schreiten. Wir richten dies an alle Lehrende in Israel, an Alle, die es mit dem Bestände und der Blüte Israels ernst meinen. Als die Revolution in den ersten Monaten des vor rigen Jahres ihre erschütternden Schritte durch Europa lenkte: da waren es zwei Erscheinungen, welche sich kund thaten. Zuerst, daß die Religionsgegnerschaft (man gestatte dieses neue Wort) sich aller Orten laut als Führerin kund that, zweitens, daß die Religionslosigkeit sich überall zur Unterstützung jener bereit zeigte. Man mißverstehe uns nicht. Daß wir kein Mucker, kein Schwärmer, kein Fanatiker sind, glauben wir durch eine vieljahrige Oeffentlichkeit hinlänglich kund gethan zu haben; daß wir auch durch Erlebnisse in der Außenwelt uns nicht von unseren Ansichten und Prinzipien, so wie von dem Wege, den wir verfolgen, abwenden lassen, glauben wir nicht minder dargethan zu haben; daß wir endlich von dem jetzt so viel wieder gehörten und noch mehr gemißbrauchten „ohne Religion kann die Gesellschaft nicht bestehen", was die Pietisten und Hochkirchler dahin mißbrauchen, daß sie mit ihrer alten Eskamotage für „Religion" eine bestimmte „Kirche", der sie zufällig angehören, und für „Erhaltung der Religion" — einen ganz niedlichen Gewissenszwang und die weltliche Herrschaft einer bestimmten Kirche unterschieben, gar keinen Gebrauch machen, weil wir wissen, daß nicht sowol die Gesellschaft, daß vielmehr schon der Mensch überhaupt nicht ohne Religion bestehen kann, weit er sein Wesen gar nicht von der Religion zu trennen vermag — wird man einsichtlich finden. Aber es gilt ein Anderes. Religion — ein vieldeutiges, so hingestellt in seiner Allgemeinheit, schwankendes Ding. Jedermann weiß, daß am Ende die religiöse Ueberzeugung in jedem einzelnen Menschen sich nach seiner ganzen Individualität modifizirt, nach seiner Entwickelung, Bildung, Lebensgeschichte und seinem Charakter gestaltet. Aber hinwiederum, und gerade dieser Verschiedenheit gegenüber, ist ein fester Kern der religiösen Ueberzeugung, der besteht, nicht minder anzuerkennen; und dieser feste Kern ist ein Gegebenes, das immer wieder von Eltern, Lehrern, Schriften den aufwachsenden Geschlechtern übergeben wird. Und dieser